Tokio

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Fuminori Nakamura
Der Revolver

*Rezensionsexemplar.

Der Revolver ist ein Roman des japanischen Schriftstellers Fuminori Nakamura. Darin thematisiert dieser die Faszination eines Studenten für einen Revolver und die Folgen daraus. Die Geschichte erschien erstmals 2002. Der Diogenes-Verlag veröffentlichte den Roman im Herbst 2019 in Neuauflage.

Ein verregneter Tag in Tokio. Der junge Nashikawa ist unterwegs, als er eine männliche Leiche mitten in den Straßen der japanischen Hauptstadt entdeckt. Neben dem Toten: ein Revolver. Der Student nimmt die vermeintliche Tatwaffe an sich und nach weniger Zeit ist er nahezu besessen von dem Revolver. Jeder seiner Gedanken kreist nur noch um das seltene Fundstück und sein Leben findet ohne diese Obsession gar nicht mehr statt. Das Fatale: im Lauf befinden sich noch immer vier Kugeln.

Als kleiner Junge adoptiert, führt Nashikawa ein eher unscheinbares Leben. Er absolviert sein Studium an der Universität Tokio und trifft sich hin und wieder mit einem Bekannten, deren Anwesenheit ihn aber eher langweilt. Er unterhält eine bedeutungslose Affäre zu einer Frau und trifft sich mit einer anderen, die er auf Dauer immer mehr zu mögen scheint. Wirklich intensiv aber sind seine Kontakte nicht.

„Gestern – es kommt mir vor wie gestern – habe ich einen Revolver gefunden. Vielleicht auch gestohlen, ich weiß es nicht genau. Noch nie habe ich etwas so Schönes gesehen, er liegt in meiner Hand, als wäre er für mich gemacht. Bisher hatte ich überhaupt kein Interesse an Waffen, aber in dem Moment, in dem ich den Revolver sah, musste ich ihn haben.“

Seite 9

Die Gedanken an den Revolver und was er mit diesem anrichten könne, lösen in Nashikawa einen ungeheuren Reiz aus. Bald dreht sich alles ausschließlich um die Waffe. Er fühlt sich, seit diese in seinem Besitz ist, lebendig und so, als hätte sie seinem Leben einen Sinn gegeben. Seine Introvertiertheit wandelt sich schnell in Kontaktfreudigkeit und so trifft er sich immer häufiger mit seiner sexuellen Bekanntschaft und beginnt, Grenzen auszutesten. Langsam aber sicher beherrscht ihn das Gefühl, den Revolver benutzen und die Kugeln abfeuern zu müssen. Dafür hat er auch schon ein potenzielles Opfer auserkoren.

Der Klappentext und zuvor gelesene Meinungen zum Buch haben mich neugierig gemacht. Die ersten Seiten konnten mich fesseln und Spannung aufbauen. Im weiteren Verlauf der Handlung aber, fühlte ich mich nicht mehr gut unterhalten. Die Obsession Nashikawas für den Revolver gleiten für mich zu sehr ins Absurde ab, zumal dieser sich zuvor nie für Waffen begeistern konnte, ja gar keine Berührungspunkte mit diesen hatte. Somit ist die Geschichte aus meiner Sicht wenig gelungen, auch wenn es das Ende noch einmal in sich hat.

Eine sehr interessante Idee, besetzt mit einem interessanten Protagonisten, der die anfänglich wenig aufregende Atmosphäre durch seine Obsession in einen Thriller abgleiten lässt. Mögliche Hintergründe oder realistische Erklärungen bleiben aber aus, sodass bei mir vor allem Verwirrung blieb.

Fuminori Nakamura wurde 1977 in Tokai, Japan geboren. 2000 beendete er sein Studium der Öffentliche Verwaltung und Staatsverwaltung an der Universität Fukushima ab. Dutzende seiner Romane wurden bisher veröffentlicht.

★ ★


Fuminori Nakamura: Der Revolver. Roman. Ju. Aus dem Japanischen von Thomas Eggender. Diogenes Verlag, Zürich 2019. 192 Seiten. 22€.

Banana Yoshimoto
Ihre Nacht

Der Roman Ihre Nacht von Banana Yoshimoto wurde 2012 bei Diogenes veröffentlicht. Die japanische Schriftstellerin erzählt darin von der jungen Yumiko, deren Vergangenheit ein großes Geheimnis birgt. Als sie ihren Cousin Shoichi wieder trifft, erhofft sie sich gemeinsam mit diesem ihrer Kindheit auf die Spur zu kommen.

Yumiko und Shoichi sind Cousine und Cousin, leben aber in ganz unterschiedlichen Familien. Ihre Mütter waren Zwillinge, die sich sehr lange nah standen, bis sie irgendwann den Kontakt zueinander abbrachen. Yumiko und Shoichi haben an ihre kindlichen Treffen sehr schöne Erinnerungen und wussten lange nicht, was ihre Mütter entzweite. Schon damals beneidete Yumiko ihren Cousin um dessen Mutter, ihre Tante. Die fürsorgliche, liebevolle Art wünschte sich die junge Frau auch von ihrer eigenen Mutter.

Nach vielen Jahren ohne Kontakt miteinander gehabt zu haben, treffen sich Yumiko und Shoichi wieder. Shoichi führt ein geordnetes Leben, während Yumiko unter Panikattacken leidet, isoliert lebt und überzeugt ist, in ihrer Kindheit von etwas Dunklem umgeben gewesen zu sein. Da Yumiko die Erinnerungen daran aber fehlen, findet sie keine Erklärung für dieses Gefühl. Deshalb begibt sie sich mit Hilfe von Shoichi auf eine Reise zurück in ihre Kindheit, die wenig Gutes zu Tage befördert.

„Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert; umgekehrt können die finstersten Absichten ehrliche Freude hervorbringen.“

Die Geschichte hat vor dem Lesen keine großen Erwartungen in mir geweckt, da ich das Buch zuvor nicht kannte. Die Autorin und einige ihrer Bücher waren mir ein Begriff, aber dieser Titel war mir neu. Durch Zufall fiel mir im Buchladen Ihre Nacht in die Hände und nachdem ich den Klappentext gelesen hatte, zog es bei mir ein. Die Figuren, insbesondere Yumiko, mochte ich von Beginn an. Trotz ihrer recht trostlosen Lebensumstände macht sie einen selbstbewussten, klugen und interessierten Eindruck. Shoichi ist Yumiko schon beim Wiedersehen sehr wohl gesonnen und schnell liegt Romantik in der Luft.

Der Erzählstil ist nicht außergewöhnlich, führt aber angenehm durch die Geschichte. Von der Handlung erwartete ich aufgrund des Klappentextes etwas völlig anderes. Für meinen Geschmack ist die Story zu magisch und kitschig. Auch der deutsche Titel erklärt sich für mich nicht. Da das Buch aber sehr kurz ist (208 Seiten), lässt sich das Geschriebene fix lesen. Mehr als eine Lektüre für zwischendurch ist es für mich leider aber nicht gewesen.

Hätte Yoshimoto auf die große Magie verzichtet und die vergangenen Ereignisse mit mehr Inhalt gefüllt, hätte das sicher zur mehr Spannung beigetragen. So aber war die Handlung eher banal und bisweilen absehbar. Die sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen Cousine und Cousin hätte es aus meiner Sicht nicht gebraucht.

Banana Yoshimoto (bürgerlich Mahoko Yoshimoto), wurde 1964 in Tokio, Japan geboren. 1987 schrieb sie ihren ersten Roman, Kitchen, der sofort mit einem Literaturpreis ausgezeichnet wurde. In den Jahren darauf folgten weitere Preise.

★ ★


Banana Yoshimoto: Ihre Nacht. Roman. Moshi moshi Shimokitazawa. Aus dem Japanischen von Thomas Eggenberg. Diogenes Verlag, Zürich 2012. 208 Seiten. 8.99€.