Kent Haruf

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Kent Haruf
Unsere Seelen bei Nacht

Unsere Seelen bei Nacht ist ein Roman des US-amerikanischen Autors Kent Haruf, erstmals erschienen 2015. Addie Moore und Louis Waters, beide über siebzig Jahre alt, sind seit Jahrzehnten Nachbarn in einer Kleinstadt in Colorado. Obwohl sie sich jahrelang schon kennen, haben sie bisher kaum ein Wort miteinander gewechselt. Nach dem Tod beider Ehepartner sind sie einsam und leben zurückgezogen in ihrem Haus. Bis Addie eines nachts bei Louis vor der Tür steht und ihm ein Angebot unterbreitet.

Addie und Louis haben beide erwachsene Kinder, die schon vor Jahren ausgezogen sind und ihr eigenes Leben leben. Ihre Ehepartner sind vor langer Zeit verstorben und ihre Freizeit verbringen sie vor allem allein. Um die Einsamkeit zu überstehen, beschließt Addie eines Tages, Louis zu fragen, ob dieser sich vorstellen könne, die Nächte mit ihr gemeinsam, rein platonisch zu verbringen. Etwas zögerlich willigt Louis dann ein. Und so beginnen die nächtlichen Treffen, die schon bald für Aufmerksamkeit sorgen.

In den Gesprächen, die Addie und Louis führen, geht es vorwiegend um die Vergangenheit beider. Schmerzvolle Erinnerungen werden geweckt, miteinander geteilt und so erträglicher. Aber vor allem lernen sich beide näher kennen und schon bald entsteht eine tiefe Bindung zwischen den beiden Siebzigjährigen. Im Sommer bekommt Addie Besuch von ihrem siebenjährigen Enkel Jamie, der unter dem Weggang seiner Mutter und dem Streit seiner Eltern leidet. Louis schließt Jamie sofort ins Herz und alle drei verbringen glückliche Tage miteinander.

„Das hat nichts mit leichtfertig zu tun. Es ist eine Entscheidung frei zu sein.“

Gene, Addies Sohn und Holly, Louis Tochter werden von den Nachbarn beider über deren Treffen informiert. Wenig begeistert versuchen sie ihre jeweiligen Elternteile davon abzubringen, sich weiter zu treffen. Schließlich würden sie damit für Aufsehen sorgen und das sei ihren Kindern unangenehm. Besonders Gene hat ein großes Problem damit, dass sich seine Mutter und Louis nachts treffen. Er kann seine Feindseligkeit gegenüber Louis kaum zurück halten, was vermehrt zu Streit führt.

Im Laufe der Geschichte überschlagen sich die Ereignisse. Während man von dem Umgang der beiden Senioren gerührt ist, akzeptiert Gene nicht, dass Louis und seine Mutter miteinander verkehren. Die ständigen Konfrontationen mit Gene lassen Addie immer trauriger werden, denn dieser wünscht einen vollständigen Kontaktabbruch der beiden Vertrauten. Und obwohl Addie starker Wille sie lange eisern dagegen halten lässt, hat sie nun Angst, ihren Enkel zu verlieren.

Der klare Schreibstil und die rührende Geschichte von Addie und Louis hat mich nur so durch die Kapitel fliegen lassen. Ihre zögerlichen Annäherungen, die intensiven und zutiefst menschlichen Gespräche über Fehler, Schuld und Dankbarkeit sowie die liebevollen, kleinen Gesten mit denen sie sich einander vertraut machen, erwärmen dem Leser das Herz. Nie nachvollziehen konnte ich, dass sich die erwachsenen Kinder beider so in deren Leben einmischen und ihnen das Glück nicht recht gönnen mögen, sodass mir die Begeisterung für die Geschichte dadurch leider etwas genommen wurde.

Verwundbar, ehrlich und hauchzart. Eine Liebesgeschichte im Alter, die von Freiheit und einem neuen Lebensgefühl erzählt. Ein sehr tiefgründiger Roman, der 2017 mit Jane Fonda und Robert Redford in den Hauptrollen verfilmt wurde.

Kent Haruf wurde 1943 in Colorado, USA geboren. Er war ein erfolgreicher Schriftsteller dessen sechs Romane alle im amerikanischen Holt spielen. Haruf wurde mit mehreren literarischen Preisen ausgezeichnet. Kent Haruf starb 2014.

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Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht. Roman. Our Souls At Night. Aus dem Amerikanischen von Pociao. Diogenes Verlag, Zürich 2019. 224 Seiten. 12€.

Lesemonat
Mai 2019

Es ist wieder Zeit für einen Leserückblick, denn der Mai ist auch wieder Vergangenheit. Im Gegensatz zu den eher schwachen Lesemonaten März und April ging es im Mai zumindest etwas aufwärts. Ich war zu Beginn durch eine fette Leseflaute geplagt, sodass es sehr langsam voran ging. Gegen Ende aber konnte ich dann noch einige Bücher lesen und hatte wieder viel Freude daran.

Sex, Drugs & Rock´n Roll

. . . diese ersten Worte fallen mir zu Alles, was ich weiß über die Liebe von der britischen Journalistin Dolly Alderton ein. In ihrem ersten Buch beschreibt diese ihre Findungsphasen während der Adoleszenz, den Wert von Freundschaften, nagende Selbstzweifel und die ersten Erfahrungen mit Männern. Ich konnte nach anfänglichen Schwierigkeiten gut in die Geschichte hinein finden, wurde aber nie ganz warm mit dem Buch. Der Schreibstil ist nicht besonders und es wird keine Story sein, die mir lange im Gedächtnis bleibt. Dennoch verbergen sich wichtige Messages in den Gedanken der Autorin, die besonders für sehr junge Menschen spannend sein könnten. Hier könnt ihr nochmal im Detail nachlesen.

Erschreckend realistisch 

Mein zweites Buch im Mai war das lang ersehnte So schöne Lügen von Tara Isabella Burton, welches seit Anfang des Jahres in meinem Regal stand. Durch die Sperrfrist, die bis Mitte Mai galt, musste ich mich nun in Geduld üben. Es geht darin um die Beziehung zweier sehr unterschiedlicher junger Frauen, die sich in New York kennen lernen und fortan den größten Teil ihres Lebens miteinander verbringen. Louise ist eher schüchtern und hat wenig Geld, während Lavinia die extrovertierte Dramaqueen ist, die im Luxus lebt. Schon nach kurzer Zeit wird deutlich, dass die „Freundschaft“ vor allem durch Macht und Kontrolle geprägt ist, sodass es ein schockierendes Ende nehmen muss. Mir haben sowohl die Charaktere als auch die Story selbst sehr gefallen. Ein wirklich böses Buch! Hier mehr zu meiner Meinung. 

Englische Küstenstadt

Ein kleiner Küstenort in Cornwall, England. In St. Piran leben genau dreihundertsieben Menschen die vorwiegend als Fischer, Dorflehrer und Strandgutsammler tätig sind.  Eines Tages wird ein Wal gesichtet und ein Unbekannter am Strand angespült, der den Bewohnern zunächst Rätsel aufgibt. Ein absolutes Wohlfühlbuch, dass ich jedem ans Herz legen kann. Das Setting ist traumhaft, die Figuren sehr sympathisch und die Handlung besticht durch kluge und menschliche Dialoge. Meine Rezension findet ihr hier.

 

Drei Frauen, drei Geschichten

Auch habe ich nun endlich, endlich Der Zopf von Laetitia Colombani gelesen. Darin schildert die Autorin die Geschichten dreier Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und an Wendepunkten in ihrem Leben stehen. Smita, die mit ihrer Tochter Lalita in Indien lebt und ihrem leidvollen Leben zu entfliehen versucht, Sarah aus Kanada, die sich als erfolgreiche Geschäftsfrau einen Namen gemacht hat und sich nun mit einer schweren Diagnose auseinandersetzen muss und Giulia aus Italien, die den Betrieb ihres verstorbenen Vaters zu retten versucht. Wunderschön geschrieben. Sehr emphatisch, einfühlsam und kurzweilig. Unbedingt lesenswert. Hier lest ihr, warum.

Immer wieder nachts

Unsere Seelen bei Nacht von Kent Haruf werdet ihr sicher alle mehr oder weniger kennen. Erzählt wird von zwei Siebzigjährigen, die seit Jahrzehnten in der gleichen Nachbarschaft leben, sich aber kaum kennen. Addie und Louis sind verwitwet und führen ein einsames Leben. Bis eines Tages Addie die Idee hat, dass Louis sie nächtlich besuchen könnte um zu reden und Zweisamkeit zu teilen. Mich hat die Geschichte so sehr berührt, dass ich das Buch schon jetzt zu einem meiner Highlights in diesem Jahr zähle. Meine ganze Rezension gibts hier

Statistische Werte

Der Lesemonat Mai war, wie eingangs erwähnt, schon erfolgreicher als die acht Wochen zuvor. Das lag an meiner überstandenen Leseflaute und diesen fünf Büchern. Gelesen habe ich im letzten Monat 1631 Seiten und habe im Schnitt 3,5 Sterne vergeben. Gebraucht habe ich durchschnittlich 3,5 Tage für ein Buch. Drei der fünf Bücher habe ich selbst gekauft und zwei waren Rezensionsexemplare. Ich bedanke mich an dieser Stella natürlich wieder bei den Verlagen, welche mir Bücher zur Verfügung gestellt haben. Das sind in diesem Fall der Fischer- und der Dumont-Verlag, danke!


Jetzt bin ich gespannt auf euren Lesemonat Mai!

*Die Rechte an den Bildern liegen bei den jeweiligen Verlagen