Italien

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Verena Carl
Die Lichter unter uns

Der Roman Die Lichter unter uns von der Schriftstellerin Verena Carl erschien 2018 im S. Fischer Verlag. Der Handlungsort ist Italien. Zwei deutsche Familien verbringen dort ihren Urlaub und haben mit Alltagssorgen zu kämpfen. Irgendwann kreuzen sich ihre Wege.

Anna und Jo machen gemeinsam mit ihren beiden Kindern Ferien auf Sizilien. Das Paar in den Mittvierzigern hat offensichtlich Schwierigkeiten, den gemeinsamen Alltag zu bewältigen. Ihre Liebe scheint erloschen und die Gewohnheit hat Besitz von ihnen ergriffen. Anna und Jo leben aneinander vorbei. Zoe und Alexander sind seit einigen Jahren fest liiert, sie ist um einiges jünger als er. Katharina, die Ehefrau Alexanders ist verstorben, worunter der Sohn, Florian, welcher in Mailand studiert, leidet. Er gibt seinem Vater die Schuld an dem Tod seiner Mutter.

„Eine Bitte, eine Frage. Sieben Wörter. Wie lange konnte man von sieben Wörtern leben? Was konnte daraus wachsen in der kurzen, verbleibenden Zeit?“

Die Geschichte wird von einer tiefen Melancholie getragen. Die Sehnsüchte und Hoffnungen der Figuren sind durchweg spürbar. Auf sehr feinfühlige Art und Weise beschreibt Carl, was in den Charakteren vor sich geht und welche Ängste sie durchzustehen haben. Unerfüllte Träume, Bedürfnisse und Geheimnisse werden deutlich, die sich vor allem beim ersten Aufeinandertreffen von Alexander und Anna offenbaren. 

Sicherlich finden sich viele Leserinnen und Leser in den hier dargestellten Charakteren wieder. Den Alltag als Paar und Familie zu bewerkstelligen und das auch nach vielen gemeinsamen Jahren, ist die große Herausforderung von Anna, Jo, Alexander und Zoe. Zudem spielen die Beziehungen zu den Kindern eine wichtige Rolle, da sie durch vergangene und auch gegenwärtige Muster geprägt sind. 

Die Grundstimmung ist bedrückend und trübselig, sodass wenig Freude beim Lesen aufkommt. Witzige oder entspannte Momente erleben die Familien kaum. Die einzelnen Kapitel sind angenehm lang, die negative Atmosphäre aber, war mir persönlich zu viel.

Verena Carl wurde 1969 in Freiburg im Breisgau geboren. Für ihr Studium in BWL mit Schwerpunkt Touristik zog sie 1989 nach München. Anschließend besuchte sie die Deutschen Journalistenschule und machte ein Volontariat bei der Münchner Abendzeitung. Bis 1999 arbeitete sie freiberuflich für verschiedene Redaktionen. Carl lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

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Verena Carl: Die Lichter unter uns. Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 2018. 320 Seiten. 11€. 

Laetitia Colombani
Der Zopf

Laetitia Colombanis Der Zopf ist ein Roman aus dem S.Fischer-Verlag, erschienen im Herbst 2018. Erzählt wird die Geschichtet dreier voneinander unabhängiger Frauen, deren Lebenswege völlig unterschiedlich sind. Dennoch haben sie eines gemeinsam: den Drang nach Freiheit und Autonomie.

Die Inderin Smita lebt mit ihrer Tochter Lalita und ihrem Mann in einem kleinen Dorf, in welchem sie, wie schon ihre Mutter und Großmutter, die Exkremente ihrer Nachbarn entsorgen muss. Sie ist eine Dalit, eine Unberührbare und gehört somit keiner Kaste an. Die Familie ist arm, ernährt sich von gebratenen Ratten und die Menschen schauen auf sie herab.

Lalita würde das gleiche Schicksal ereilen wie das ihrer Mutter. Um ihrer Tochter diese würdelose Arbeit, dieses elende Leben zu ersparen, möchte Smita, dass Lalita die Schule besucht um später ein besseres Leben führen zu können. Smita gelingt es, ihren Mann davon zu überzeugen und den Dorflehrer mit Geld zu bestechen und so hat Lalita bald ihren ersten Schultag.

„Wenn wir in den Spiegel schauen, müssen wir einen Verbündeten erkennen, niemals darf uns der Feind entgegenblicken.“

Nachdem sie dort aufgefordert wird, den Klassenraum zu kehren und sie dies verneint, wird sie vom Dorflehrer verprügelt und beleidigt. Als das Mädchen weinend und gedemütigt nach Hause kommt, fasst Smita deshalb den Entschluss, das Dorf endgültig zu verlassen, um ein neues, besseres Leben zu beginnen. Ihr Mann aber stellt sich quer und so packt Smita das Nötigste zusammen, schnappt sich ihre Tochter und ergreift die Flucht.

Sarah ist vierzig Jahre alt und lebt im kanadischen Montreal. Sie arbeitet als erfolgreiche Rechtsanwältin, ist immer perfekt gestylt und lebt für ihre Arbeit. Für ihre Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, bleibt deshalb wenig Zeit. Das Glück in der Liebe ist Sarah bisher verwehrt geblieben. Die Väter der Kinder sehen diese regelmäßig, die Ehen zu Sara aber sind in beiden Fällen gescheitert.

In der Firma ist Sarah hoch angesehen, sie gilt als herausragende Anwältin und hat sich ihre Position hart erarbeitet. So genießt sie eine sichere, gut bezahlte Anstellung und spürt den tiefen Respekt der ihr gebührt. Bis zu dem Tag, an dem Sarah sich einer niederschmetternden Diagnose stellen muss und fortan versucht, ihre Krankheit zu verheimlichen. Nach und nach bekommt die Fassade jedoch Risse und Sarah muss erfahren, dass sie als kranker Mensch, in der Firma keinen Wert hat.

Giulia ist zwanzig Jahre alt und lebt mit ihren Eltern in Sizilien. Ihr Vater leitet dort eine erfolgreiche Firma, welche Echthaar-Perücken herstellt. Giulia möchte in die Fußstapfen ihres Vaters treten und beginnt selbst dort tätig zu sein. Sie mag die Frauen, die mit ihr dort arbeiten und mag die Aufgaben, die ihr dort zuteil werden. Als ihr Vater eines Tages stirbt und klar wird, dass die Firma vor dem Ruin steht, ist es an der jungen Frau die Firma zu retten. Völlig verzweifelt sucht Giulia nach einer Lösung. Ihre Mutter möchte deshalb, dass sie den wohlhabenden Nachbarsjungen Gino heiratet. Aber Giulia hat nur Augen für einen jungen Inder, mit dem sie sich seit einer Weile trifft.

Die Französin Laetitia Colombani schreibt eindringlich und berührend von den Schicksalen dreier Frauen, die sich ganz unterschiedlichen Herausforderungen stellen müssen. In immer wechselnden Kapiteln gibt sie Smita, Sarah und Giulia Raum für ihre Geschichte und verflechtet die Leben der Frauen gekonnt miteinander. Das Buch fesselt durch seine wechselnden Settings und faszinierenden Figuren.

Die Passagen sind spannungsreich geschrieben und angenehm kurz, sodass sie beim Lesen viel Abwechslung bieten. Gegen Ende der Geschichte fügen sich die Schicksale der drei Frauen nach und nach zusammen, auch wenn sich die Charaktere wohl nie begegnen werden. Das Cover besticht neben dem treffenden Titel und das dazu passende Motiv durch seine harmonierende Farbauswahl.

Der Zopf erzählt von drei starken Frauen, die an individuellen Wendepunkten in ihrem Leben stehen. Kraftvoll, emphatisch und mitreißend gelingt Colombani ein überragendes Buch.

Laetitia Colombani wurde 1975 in Frankreich geboren. Dort arbeitet sie als Schauspielerin und Regisseurin. Der Zopf ist ihr erstes Buch. Colombani lebt in Paris.

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Laetitia Colombani: Der Zopf. Roman. La Tresse. Aus dem Französischen von Claudia Marquardt. S.Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2018. 288 Seiten. 20€. 

Elena Ferrante
Frau im Dunkeln

*Rezensionsexemplar. 

Frau im Dunkeln ist ein Roman der italienischen Erfolgs-Autorin Elena Ferrante, welcher erstmals 2006 unter dem Titel La figlia oscura erschien und vom Suhrkamp-Verlag 2019 ins Deutsche übersetzt und neu aufgelegt wurde. Ferrante beschreibt darin das Leben der Endvierzigerin Leda, welche einen Sommerurlaub auf Kalabrien verbringt und dort vor allem mit sich selbst konfrontiert wird.

Leda ist achtundvierzig Jahre alt und arbeitet an einer Universität in Florenz. Als sie ihren Sommerurlaub in einem Häuschen in Kalabrien verbringt, begegnet sie dort einer Großfamilie aus Neapel, welche vor allem durch Lärm und überdimensionale Präsenz auf sich aufmerksam machen. Leda wird durch die Neapolitaner an eigene Familienmitglieder erinnert, was nichts Positives vermuten lässt. Lediglich die junge Mutter Nina und ihre Tochter Elena sind ihr direkt sympathisch. Sie beobachtet Mutter und Kind über mehrere Tage, bis die geliebt Puppe der kleinen Elena verschwindet. Leda beteiligt sich zunächst an der Suche, um die Kleine zu trösten, nimmt die Puppe, als sie diese findet jedoch an sich und behält sie, obwohl Elena sie schmerzlich vermisst.

„Manchmal muss man fliehen, wenn man nicht sterben will.“

Leda hat zwei inzwischen erwachsene Töchter, Marta und Bianca, welche beide bei ihrem Vater in Kanada leben. Im Laufe der Geschichte wird immer deutlicher, dass Leda ein sehr zwiegespaltenes Verhältnis zu ihren Kindern hegt. Sie liebt sie, ist ihrer aber in der Vergangenheit dennoch oft überdrüssig gewesen und wird nicht müde, Gründe zu finden, weswegen sie diese zurecht im Kindesalter verlassen und mit ihrem Vater allein gelassen hat. Dadurch wird Ledas Zerrissenheit allzu deutlich. Sie sucht das eigene Glück, innere Zufriedenheit, auch wenn das bedeutet, auf ihre Kinder verzichten zu müssen. Sie will die aufopfernde Mutter sein, verliert sich aber immer wieder in dem Wunsch, sich selbst, unabhängig von anderen, verwirklichen zu wollen.

Die Autorin, deren bürgerlicher Name unbekannt ist, hat das Buch 2006 unter ihrem Pseudonym Elena Ferrante veröffentlicht. Der Grund dafür dürfte nicht schwer zu finden sein. Immerhin stellt ihre Protagonistin, welche in der Ich-Perspektive berichtet, eine klassisch polarisierende Persönlichkeit dar. Eine Mutter, welche ihre Kinder verlässt, wird in den seltensten Fällen bei Mitmenschen als Sympathieträgerin gelten. Ferrante hat sich so vor Anfeindungen geschützt, um denen, welche sie als Autorin und ihren Hauptcharakter als ein und dieselbe Person betrachten, keine Angriffsfläche bieten zu können. Ob dennoch autobiografische Züge für Frau im Dunkeln Anwendung gefunden haben, bleibt offen.

Der Schreibstil ist klug und flüssig geschrieben, die Charaktere ausreichend gezeichnet um sich diese vorstellen zu können. Das Setting harmoniert mit der Handlung und den Figuren, lässt die Stimmung des Buches sogar noch deutlicher werden. Die Geschichte hat mich gut unterhalten und vor allem sehr aufgewühlt.

Elena Ferrante {Pseudonym} wurde 1943 in Neapel, Italien, geboren. Sie arbeitet seit den 1990ern unter ihrem Künstlernamen als Schriftstellerin und ist durch ihre Neapolitanische Saga weltweit bekannt.

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Elena Ferrante: Frau im Dunkeln. Roman. La figlia oscura. Aus dem Italienischen von Anja Nattefort. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 188 Seiten. 22€.