Frankreich

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Herzensbücher #8
Marie Dorléans
Auf leisen Sohlen durch die Nacht

*Rezensionsexemplar.

Bücher, die nachdenklich machen, fesseln und unter die Haut gehen, die einen nicht mehr los lassen und einen besonderen Platz im Herzen einnehmen, das sind ganz besonders wertvolle Werke. Jeder der gern liest, wird Bücher kennen, die ihm besonders wichtig sind, die ihn geprägt haben und die unvergesslich bleiben. Nennen wir sie doch einfach Herzensbücher. Denn so lautet die wunderbare Aktion von Janika und Sabrina. Die Beiden hatten die schöne Idee, ihren Herzensbüchern mehr Raum zu geben. Dieser guten Sache schließe ich mich (endlich) auch an.

Auf leisen Sohlen durch die Nacht hat mich erst kürzlich erreicht und ist schon eines meiner Herzensbücher. Da freut es mich aus persönlichen Gründen doch sehr, dass es somit auch mein erstes Kinderbuch in dieser Rubrik ist. Es handelt sich um ein Bilderbuch der Französin Marie Dorléans und erschien im Sommer diesen Jahres im Gerstenberg-Verlag. Die Illustratorin lässt ihre kleinen Leser in der Geschichte die Nacht entdecken.

Eine Sommernacht. Es ist dunkel draußen, der Himmel voller Sterne. Eine vierköpfige Familie macht sich auf, die Umgebung bei Nacht zu erkunden. Dabei geht es durch den friedlichen Garten, wo die Grillen zirpen und die Luft nach Blumen riecht, weiter durch das verschlafene Dorf, in dem so manches Licht noch brennt. Für die Figuren geht es vorbei an Kuhherden, am Wald entlang, über Wiesen, bis hoch auf einen Berg. Dort erleben sie dann ganz früh am Morgen einen ganz besonderen Moment.

Orléans gelingt mit diesem ruhigen Bilderbuch, besonders durch die atmosphärischen Illustrationen in Blautönen, ein Vorleseerlebnis für Kinder, aber auch die Erwachsenen. Die detailreichen, aussagekräftigen Abbildungen sind sehr ansprechend dargestellt und laden zum Verweilen ein, sodass der Text manchmal überflüssig erscheint. Die Nachtwanderung, die ein Elternpaar initiiert, macht auch den Kindern viel Freude. Bei den kleinen Bilderbuchbetrachtern wird die Neugier geweckt und die Natur einmal anders erlebt.

Die Kinder, mit denen ich die Geschichte durchleben durfte, konnte sie sehr begeistern, auch weil ein Setting bei Nacht in Bilderbüchern schon eine Besonderheit darstellt, da die meisten Geschichten tagsüber spielen. Die Idee eines solchen erlebnisreichen Nachtspaziergangs finde ich sehr inspirierend und freue mich über diese neue Kinderbuch-Erfahrung.

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Teilnahmebedingungen im Überblick

# Die Herzensbücher werden immer zum 20. des Monats auf dem Blog, bei Instagram oder Twitter vorgestellt

# Jeder Teilnehmer beschreibt, warum gerade dieses Buch ein Herzensbuch für ihn ist

# Der Beitrag sollte maximal 500 Wörter haben

# Janika und Sabrina sollten als Gründerinnen natürlich im Beitrag verlinkt werden

Mehr Herzensbücher

Zeilenwanderer, Read Eat Live


Marie Dorléans: Auf leisen Sohlen durch die Nacht. Bilderbuch. Nous avons rendez-vous. Aus dem Französischen von Ina Kronenberger. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2019. Farbig illustriert. 40 Seiten. 16€.

Thommie Bayer
Seltene Affären

Seltene Affären ist ein Buch von Thommie Bayer aus dem Jahr 2016, veröffentlicht im Piper-Verlag. Der Protagonist Peter Voosen führt ein Feinschmecker-Restaurant im französischen Lothringen. Er schreibt Kurzgeschichten für seinen Bruder und ist seit Jahren in dessen Frau verliebt.

Peter Voosen ist 62 Jahre alt und führt montags bis donnerstags ein gut laufendes Restaurant in Lothringen. Danach beginnt sein Privatleben in Südbaden. In seiner Wohnung, in welcher er allein lebt, schreibt er Kurzgeschichten für seinen Bruder Paul Berens, der Autor ist. Dabei hilft er diesem oft aus der Patsche, weil dieser mit seiner Schriftsteller-Karriere bereits am Limit ist.

Paul hat vor vielen Jahren seine Jugendliebe Anne geheiratet, in die auch Peter seit damals verliebt ist. Anne war die einzige Frau, für die Peter jemals mehr empfunden hat, mit der er sich mehr vorstellen konnte. Seit jeher führt er ein Single-Leben mit unbedeutenden Affären. Peter möchte nun aber mit seinem Leben, das in der Vergangenheit stattfindet abschließen, und seinen inneren Konflikt lösen.

„Meine Wohnung nach vier Tagen Abwesenheit wieder zu betreten ist für mich immer, mal weniger, mal mehr, mit gemischten Gefühlen verbunden. Ich freue mich, endlich wieder in meine zweite Haut schlüpfen zu dürfen, und gleichzeitig wird mir bewusst, dass diese zweite Haut sich erst einmal ein wenig zu kalt anfühlt, sich vielleicht nicht wieder so anschmiegsam um mich legen lassen wird, sich verändert, mich vergessen oder sich von mir entfernt haben könnte.“

Da er den Großteil der Woche in Frankreich ist, unterhält Peter eine Putzfrau, die er nie zu Gesicht bekommt. Dennoch schätzt er sie für ihre Genauigkeit und ihre Liebe zum Detail. Einmal hat er sie von hinten gesehen und besonders ihren Hintern für attraktiv befunden. Mehr weiß Peter nicht von der Frau, die sein Haus in Ordnung hält und seine Schokolade aus dem Kühlschrank isst. Er gibt ihr den Namen Chiara und beginnt, ihr in seinen Träumen zu begegnen, sodass die Unbekannte, wenn auch nur in seinen Gedanken, bald fester Bestandteil seines Alltags ist.

Der Schreibstil Bayers gefiel mir durchweg gut, die Kapitel sind angenehm lang. Die Handlungsweise des Protagonisten fand ich nicht immer nachvollziehbar. Er liebt seinen Bruder aufrichtig, hilft diesem aus so manchem Schlamassel und gönnt ihm die Frau, die er selbst liebt. Diese Aufopferung ist trotz Geschwisterliebe in der Form schon beachtlich. Der Verzicht auf das eigene Glück zugunsten seines Bruders, ist für Peter zur Normalität geworden. Er selbst hatte schließlich auch seine Momente mit Anne.

Eine unterhaltsame Lektüre für zwischendurch, die so manche Frage aufwirft, mich aber nicht nachhaltig beschäftigen konnte.

Thommie Bayer wurde 1953 in Esslingen am Neckar geboren. Er studierte Malerei und war als Liedermacher aktiv. 1984 begann er Gedichte und Romane zu schreiben. Bayer lebt mit seiner Frau im Breisgau.

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Thommie Bayer: Seltene Affären. Roman. Piper-Verlag, München 2016. 192 Seiten. 9.99€.

Leïla Slimani
All das zu verlieren

*Rezensionsexemplar.

All das zu verlieren ist ein Roman der französisch-marokkanischen Schriftstellerin Leïla Slimani, der im Frühjahr 2019 im Luchterhand Verlag, welcher dem Hause Randomhouse zugehörig ist, erschien. Slimani schildert in der Geschichte die nagende Unzufriedenheit ihrer Protagonistin, die trotz Familienleben, erfolgreichem Job und schönem Heim nicht glücklich ist.

Adéle führt ein idyllisches Leben mit ihrem Mann Richard und ihrem gemeinsamen Sohn. Richard ist wohlhabender Chirurg und Adéle arbeitet als Journalistin. Mitten in Paris bewohnt die kleine Familie eine schicke Wohnung, sodass man glauben könnte, Adéle hätte alles, was eine Mutter und Ehefrau glücklich machen sollte. 

Die junge Frau aber bricht immer wieder aus dem schönen Leben aus und gibt sich wildfremden Männern hin, die sie in Bars und Kneipen trifft. Auch vor Kollegen ihres Ehemannes schreckt sie nicht zurück. Ihr Doppelleben kann sie lange Zeit geheim halten und sogar ihre beste Freundin Lauren deckt Adéles Affären. Irgendwann jedoch bröckelt die Fassade und ein schwerer Verkehrsunfall ihres Mannes ändert alles.

„Sie hätte gern die Kraft, zum Bahnhof zu gehen, in einen Zug zu steigen oder sich davor zu werfen.“

Leïla Slimani beschreibt das Verhalten ihrer Protagonistin Adéle schonungslos offen und bringt so deren Zerrissenheit auf den Punkt. Die junge Frau provoziert und polarisiert durch ihre sexuellen Ausschweifungen und wirkt dennoch sehr menschlich. Die Frage, wie eine Frau ihrem Mann und ihrem Sohn das antun kann, schwingt beim Lesen immer mit und dennoch will möchte man Adéle mögen. Das macht die Einzigartigkeit von Slimanis Büchern aus: sie gibt immer Raum zum Nachdenken, lässt Interpretationen zu und ringt ihren Lesern Verständnis und Akzeptanz für ihre Figuren ab.

Die kurzen Kapitel spiegeln den fragwürdigen Lebenswandel von Adéle hinreichend wieder. Neben den gegenwärtigen Geschehnissen sind es zudem Rückblenden, durch welche die Geschichte lebt. Als Leser erfährt man vieles über die Kindheit von Adéle und lernt die Familien beider Ehepartner kennen, sodass sich manches Puzzleteil zusammenzufügen scheint. Der Erzählstil ist griffig und derb, die Beschreibungen und Handlungen Adéles haben mich manches Mal schockiert zurück gelassen. 

Mich konnte Leïla Slimani wieder einmal vollends überzeugen. Sie schafft ein beschauliches Setting, ein nach außen hin perfektes Familienleben und zeigt auch dieses Mal menschliche Abgründe auf. Ich mag ihre direkte, ungeschönte Ausdrucksweise und den tiefen Blick in die Seele ihrer Figuren. Auch All das zu verlieren bleibt im Gedächtnis und wirkt noch lange nach. 

Leïla Slimani wurde 1981 in Rabat, Marokko geboren. Im Jahr 1999 ging Slimani nach Paris um dort Medien und Politik zu studieren. Ab 2008 arbeitete sie als Journalistin für ein französisch sprachiches Wochenmagazin zu Politik und Wirtschaft vom afrikanischen Kontinent. Für ihren Roman Chanson Douce (dt. Dann schlaf auch du) bekam sie den Prix Goncourt. Slimani lebt in Frankreich.

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Leïla Slimani: All das zu verlieren. Roman. Dans le jardin de l’ogre. Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Luchterhand Literaturverlag von Randomhouse, München 2019. 224 Seiten. 22€.