Beziehung

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Katherine Heiny
Gemischte Gefühle

Gemischte Gefühle ist ein Roman der Schriftstellerin Katherine Heiny, der im Frühjahr 2018 bei Tempo aus dem Verlag Hoffmann und Campe veröffentlicht wurde. Die Autorin schildert darin das Eheleben eines Paares mit all seinen Freuden, Tücken und Besonderheiten. 

Graham ist sechsundfünfzig Jahre alt und ist in zweiter Ehe mit der fünfzehn Jahre jüngeren Audra verheiratet. Gemeinsam haben sie den elfjährigen Sohn Matthew, der das Asperger-Syndrom hat. Zuvor war Graham mit der etwa gleichaltrigen Elspeth verheiratet, die er für Audra verließ. Das Familienleben wird vor allem durch Matthews besonderen Förderbedarf bestimmt. Seine Eltern versuchen alles, um ihren Sohn seinen Bedürfnissen entsprechend zu erziehen. Das beinhaltet neben seinen aussergewöhnlichen Essgewohnheiten und dem Umstand, dass der Alltag nicht von seiner Norm abweichen darf auch seine Origami-Leidenschaft.

Audra fällt mit ihrer schier endlosen, fast kindlichen Neugier immer und überall auf. Sie gibt nicht viel auf gesellschaftliche Konventionen und trägt ihr Herz auf der Zunge. Und obwohl Graham sich auch nach vielen Ehejahren noch immer über das oft ungewollt taktlose Verhalten seiner Frau wundert, liebt er diese innig. Audra wirkt durch ihre aufgeweckte, ehrliche, nachbohrende Art und ihr Engagement für das Familienleben glücklich, dennoch kommen während des Lesens Zweifel auf.  

„Mit Untreue war es genau wie mit jeder anderen Schwäche – Stolz oder Maßlosigkeit, Verschwendung oder Eitelkeit: Andere verurteilt man dafür schnell, aber dann zog man los und beging denselben Fehler. Tat man es selbst, war es etwas ganz anderes.“

Die Geschichte wird zwar nicht in der Ich-Perspektive erzählt, dennoch ist es überwiegend Grahams Inneres, das dem Leser zuteil wird. Heiny benennt Tabuthemen, lässt ihren Figuren Raum für zum Teil auch fragwürdige Ansichten, große Sehnsüchte und zutiefst menschliche Gedankengänge. So schildert sie neben der Verbundenheit und Liebe zu ihrem Sohn auch die Sorgen von Eltern eines autistischen Kindes, sowie den hin und wieder kurz aufflammenden Wunsch, ein „normales“ Kind zu haben, um sich mit diesen Ängsten nicht konfrontiert zu sehen.

Sehr einfühlsam und nachvollziehbar macht die Autorin deutlich, wie zerrissen Ehepartner sich nach vielen gemeinsamen Jahren fühlen können, wie herausfordernd es sein kann den gemeinsamen Alltag meistern zu müssen und dass es manchmal viel Kraft erfordert sich äußeren Reizen nicht hinzugeben und aus dem familiären Gefüge auszubrechen. Bei all den ernsten Themen kommt der Humor nie zu kurz. Die Dialoge sind durchweg amüsant und herzerwärmend ehrlich. Der Sprachstil ist angenehm und leicht, was dem Inhalt entgegen kommt. 

Einzig gestört haben mich die manchmal sehr langatmigen Monologe von Audra, die sich in Nichtigkeiten verlieren und das eigentliche Thema ungewollt umschiffen, sodass dies häufig zu kurz kommt. Ich mag das Buch hingegen wegen seiner modernen Sichtweisen, den nachvollziehbar geschilderten Herausforderungen einer Beziehung, seiner großen Sachlichkeit und außerdem für seine Präzision und Menschlichkeit. 

Katherine Heiny schrieb Kurzgeschichten für verschiedene Zeitungen. 2015 erschien ihr Debütroman Glücklich, vielleicht. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in Washington D.C., USA.

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Katherine Heiny: Gemischte Gefühle. Roman. Standard Deviation. Aus dem amerikanischen Englisch von Marion Hertle. Tempo Verlag, Hamburg 2018. 352 Seiten. 20€.

Dolly Alderton
Alles, was ich weiß über die Liebe

Der Roman Alles, was ich weiß über die Liebe ist eine Autobiografie der britischen Journalistin Dolly Alderton. Darin schildert diese ihre Erfahrungen mit schlechten Dates, wilden Partyexzessen, Therapiestunden und der Bedeutung von Freundschaften. Das Buch erschien im Februar 2019 im Verlag Kiepenheuer und Witsch.

Aufgrund des großen Erfolgs des Buches, welches immerhin den National Book Award gewann, hatte ich große Erwartungen an den Inhalt. Den Beginn habe ich als verwirrend und wenig aufklärend empfunden, den Inhalt eher dünn und wenig erkenntnisreich. Alles, was ich weiß über die Liebe war keinesfalls sofort ein Wohlfühlbuch für mich. Hauptsächlich geht es in den ersten Kapiteln um den hohen Alkoholkonsum der Protagonistin, mit welchem sie offensichtlich ihre Verletzlichkeit und nagenden Selbstzweifel wegzuspülen versucht, kurz gesagt: sie durchlebt eine Identitätskrise, wie er in der Adoleszenz nicht unüblich ist.

„Der aufregendste Teil einer Beziehung sind die ersten drei Monate, wenn du noch nicht weißt, ob diese Person dir gehören wird. Ein großartiger, Teil kommt direkt danach, wenn du bereits weißt, dass die Person dir gehört. Den Teil, der ein paar Jahre später folgt, habe ich noch nie erlebt. Offenbar ist er nicht immer aufregend, aber ich habe gehört, dass es der beste sein soll.“

Der Erzählstil ist nicht aussergewöhnlich, dennoch gelingt es Alderton mit ihrem ehrlichen, humorvollen und ganz eigenen Stil sicher besonders junge Leser anzusprechen, da diese sich mit den Erfahrungen der Autorin identifizieren können und sich verstanden fühlen. Die Wichtigkeit von Freundschaft, die Suche nach sich selbst und der großen Liebe machen einen Großteil des Inhaltes aus. Das gewisse Etwas hat für meinen persönlichen Geschmack leider gefehlt. Zwischenzeitlich gab es jedoch starke Momente, in denen das Schreibtalent Aldertons aufblitzen konnte.

Die Trauererfahrung durch den Tod ihrer guten Bekannten und Schwester ihrer besten Freundin Farly sowie die Trennung des langjährigen Partners von eben dieser werden berührend und nahegehend geschildert, sodass es einem als Leser, unabhängig welchen Alters, unweigerlich ans Herz gehen muss. Insgesamt fehlte es mir jedoch an Tiefgründigkeit und Lebensweisheit.

Dolly Aldertonwurde 1988 in England geboren. Sie schreibt u.a. für die Sunday Times oder auch den Daily Telegraph. Neben ihrer Arbeit als Journalistin arbeitet sie als Drehbuchautorin und Regisseurin. Ihr Debütroman wurde in England sofort ein Bestseller.

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Dolly Alderton: Alles, was ich weiß über die Liebe. Roman. Everything I Know About Love. Aus dem Englischen von Friederike Achilles. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2019. 336 Seiten. 12.99€.

Thomas Meyer
Trennt euch! Ein Essay über inkompatible Beziehungen und deren wohlverdientes Ende

Trennt euch. Ein Essay über inkompatible Beziehungen und deren wohlverdientes Ende ist ein Ratgeber von Thomas Meyer, welcher im Sommer 2018 im Diogenes-Verlag veröffentlicht wurde. Darin schildert der Autor, weswegen er es für nicht richtig hält an unglücklichen Partnerschaften festzuhalten und weshalb eine Trennung viel schneller vollzogen werden sollte.

Es handelt sich in diesem Fall um keinen typischen Beziehungsratgeber. Viel mehr ist Trennt euch! eine Hilfestellung zur Trennung für all diejenigen, welche sich in einer unglücklichen Beziehung wähnen. Thomas Meyer beschönigt nichts. Auf direkte, schonungslose Weise beschreibt er, welche Chancen das Beenden der Beziehung für einen selbst biete. Er rät nicht zum Kämpfen, zum Durchhalten oder zu einer Paartherapie. Viel mehr versucht er dem Leser zu verdeutlichen, dass eine Trennung unvermeidbar sei, dass Liebe keinen Kampf dulde und sie allein nicht ausreiche um glücklich und zufrieden zu sein.

Das Leben sei sehr kurz und bestehe darin Freude zu empfinden und sie zu teilen, so Meyer. Der Sinn einer Beziehung würde darin bestehen, einander gut zu tun und sich in der gemeinsamen Entwicklung zu unterstützen. Eine Beziehung die traurig mache und klein halte, müsse beendet werden, weil das Leben zu kurz sei, als dass man es ohne Lachen verbringen sollte. Das sind die Worte in der Einleitung des Buches. Klar, sachlich und konsequent.

„Die allermeisten Paare sind unglücklich und sollten sich trennen“. Mit dieser gewagten These provoziert Meyer, macht aber sogleich auf ein gesellschaftlich relevantes Thema aufmerksam. In seinem Essay behandelt er die Phasen des Schlussmachens und verdeutlicht die Wichtigkeit der Selbstachtung. Letzteres dient einem guten Ratgeber und somit seinen Lesern. Viel zu oft würden Menschen sich in einer Beziehung dem anderen so sehr hingeben, dass sie sich selbst vernachlässigen, sodass häufig beide leiden würden. Es gibt deshalb zentrale Aspekte, die in jeder Partnerschaft nahezu übereinstimmen sollten.

Es passt

Thomas Meyer nennt in seinem Buch wichtige Gesichtspunkte für das Gelingen einer Vereinigung. In diesen sollten sich beide Partner zumindest annähernd ähneln, damit eine glückliche Beziehung gelingen kann. Die zentralen Aspekte sind: Humor, Intelligenz, Wertvorstellungen, Lebensumstände- und ziele, persönliche Reife, Sexualität und Beziehungsmotiv. 

Es passt nicht

Zwei Menschen, die eine Beziehung führen aber nicht zusammen gehören. Meyer nennt sie die Nichtpassenden, die Unähnlichen, die Inkompatiblen. Zu verschieden seien sie, zu sehr darauf bedacht, den anderen von der eigenen Ansicht überzeugen zu müssen und auf der Suche nach seelischer Verbundenheit, die am Ende ausbleiben und es deshalb nicht passen würde.

Eine sehr interessante Betrachtungsweise, die durchaus zum Nachdenken anregt, sich selbst hinterfragen lässt und auch lange nach dem Lesen im Kopf bleibt. Bezogen auf die Selbstachtsamkeit nennt der Autor gute und wichtige Ansätze, mit denen ich mich gut identifizieren kann. Dennoch sind mir die Aussagen zum Beenden einer Partnerschaft zu allgemeingültig. Menschen sind individuell und somit auch ihre Beziehungen. Die Umstände und die Qualität der Partnerschaft selbst spielen eine entscheidende Rolle und nicht immer halte ich kämpfen für ausweglos. Die scharfe Polemik Meyers ist sicher gewollt, ist aus meiner Sicht aber nicht unbedingt zielführend.

Thomas Meyer wurde 1974 in Zürich, Schweiz geboren. Nach seinem abgebrochenen Jura-Studium arbeitete er als Texter und Werbeagenturen und Redaktionen. Seit 2007 ist er als Autor selbständig. Sein erstes Buch Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse wurde ein großer Erfolg und kam 2018 ins Kino. Thomas Meyer lebt in Zürich.

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Thomas Meyer: Trennt euch! Ein Essay über inkompatible Beziehungen und deren wohlverdientes Ende. Ratgeber. Diogenes Verlag, Zürich 2018. 128 Seiten. 10€.