Samstag, August 31st 2019

Sándor Márai
Die Glut

Der ungarische Autor Sándor Márai schrieb 1942 den Roman Die Glut. 1950 erschien dieser das erste Mal auf deutsch unter dem Titel Die Kerzen brennen ab. 1990 wurde in Deutschland das Original neu herausgegeben und 1998 in deutscher Übersetzung wiederveröffentlicht. Der Piper-Verlag brachte Die Glut im Sommer 2018 in Neuauflage auf den Markt. Márai erzählt die Geschichte von den Jugendfreunden Henrik und Konrád, die sich vor über einundvierzig Jahren zum letzten Mal gesehen haben. Inzwischen ist viel Zeit ins Land gegangen und Henrik hat lange auf ein Wiedersehen gewartet, das Klarheit darüber geben soll, warum Konrád damals ohne ein Wort verschwunden ist.

Henrik (im Folgenden General genannt) lebt seit jeher in einem ehemals ungarischen Jagdschloss am Rande der Karpaten. Er entstammt einer reichen Familie des Hochadels. Konrád kommt aus eher ärmlichen Verhältnissen. Doch trotz der großen Unterschiede entwickelt sich zwischen beiden eine tiefe Freundschaft, die vom Kindes- bis ins junge Erwachsenenalter anhält. Nach einem mysteriösen Jagdausflug ist jedoch nichts mehr wie zuvor zwischen den Männern und auch Krisztina, die Ehefrau des Generals, verhält sich plötzlich auffällig. Von einem Tag auf den anderen verschwindet Konrád dann urplötzlich.

„Die Handlung ist noch nicht die Wahrheit. Sie ist immer nur eine Folge, und wenn man eines Tages als Richter auftreten und ein Urteil sprechen muss, darf man sich nicht mit den Tatsachen aus dem Polizeirapport begnügen, man muss auch das kennen, was die Juristen das Motiv nennen. Die Tatsache deiner Flucht ist leicht zu verstehen. Ihr Motiv nicht.“

Der General lädt Konrád nach über einundvierzig Jahren auf sein Schloss ein und dieser bestätigt die Einladung kurz darauf. Die Amme Nini äußert ihre Einwände bzgl. dem Aufeinandertreffen beider Männer, unterstützt den General aber bei seinem Vorhaben und richtet nach seinen Anweisungen und Wünschen gemeinsam mit den Angestellten des Hauses die Speisen zu und gestaltet die Räumlichkeiten. 

Zu Beginn ist der Leser direkt mitten im Geschehen. Nachdem man in aller Kürze erfährt, wie der General lebt und die Vorbereitungen für das denkwürdige Abendessen stattfinden, steht Konrád auch schon vor der Tür. Nach einer kurzen Begrüßung erfährt man, wo Konrád all die Jahre gelebt hat und dass er die Welt bereiste. Anschließend beginnt eine Art Monolog von Seiten des Generals, der über sein eher trostloses Leben in Einsamkeit berichtet. Ziemlich schnell drängt sich einem als Leser der Verdacht auf, das der General keine Antworten von Konrád erwartet, sondern viel mehr seine eigenen Gedanken und Empfindungen preisgeben möchte, um diesen so zu überführen.

Das Gespräch beider dauert die ganze Nacht an und der Redeanteil bleibt fast ausschließlich dem General vorbehalten. Konrád gelingen nur kurze Einwürfe, da längere Antworten sofort unterbrochen werden. Den Vorwürfen seitens des Generals widerspricht er zu keiner Zeit. Obwohl das Ende Fragen offen lässt, konnte die Geschichte durchweg gut unterhalten und seinen fortwährenden Spannungsbogen aufrechterhalten. Historisch spielt die Handlung zu einer aufregenden und bedeutenden Zeit, was dem ohnehin interessanten Inhalt zusätzlich Würze verlieh. 

„Denn auch das Herz hat seine Nacht und seine Regungen, die so wild sind wie der Jagdinstinkt des Wolfes oder des Hirsches. Traum, Sehnsucht, Eitelkeit, Selbstsucht, Liebestollheit, Neid und Rachsucht lauern in der menschlichen Nacht wie der Puma, der Geier und der Schakal in der Wüstennacht.“

Das Besondere für mich bei dem Buch ist, dass ich es so vielleicht nie gelesen hätte, obwohl es ein echter Klassiker ist. Im Rahmen eines Thalia Book Blind Dates wählte ich es aufgrund der Beschreibung aus. Ein voller Erfolg. Ich fühlte mich gut unterhalten und mochte das Setting sehr.

Sándor Márai wurde als Grosschmid Sándor Károly Henrik 1900 in Kassa, Österreich-Ungarn geboren. Er galt als einer der bedeutendsten ungarischen Schriftsteller, Lyriker und Dramatiker. Zunächst schrieb er auf deutsch und wechselte dann in die ungarische Sprache. Nach seiner Emigration in die USA führte er ein Wanderleben, das ihn in schwere Depressionen und Isolation trieb. Márai nahm sich 1989 das Leben.

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Sándor Márai: Die Glut. Roman. A gyertyák csonkig égnek. Aus dem Ungarischen von Christina Viragh. Piper Verlag, München 2018. 224 Seiten. 10€.

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