Montag, August 26th 2019

Amanda Svensson
Ich habe dir immer über alles die Wahrheit gesagt

*Rezensionsexemplar.

Ich habe dir immer über alles die Wahrheit gesagt ist ein Roman der schwedischen Schriftstellerin Amanda Svensson, der im Hochsommer 2019 im btb-Verlag erschienen ist. In Schweden wurde die Geschichte bereits 2014 veröffentlicht. Es geht um eine Beziehung, die vor allem durch Macht und Missbrauch geprägt ist.

Sie leben eine Fiktion. Mal ist sie Sylvia Plath, ein anderes Mal Vivienne Haigh-Wood Eliot. Er nennt sie Lilja, wie die Frau des russischen Dichters Wladimir Majakowski. Die Beziehung beider spielt sich weniger in der Realität, als viel mehr in Scheinwelten ab. Anfangs noch inspiriert und entzückt von ihm, muss sie erkennen, dass das Verhältnis durch Kontrolle und Ausbeutung geprägt ist. Er will sie besitzen und erzwingt dabei die Macht über sie.

„Wahrscheinlich war es deshalb so schwer, Nein zu sagen, denn wie sagt man Nein, wenn man nicht weiß, was es bedeutet, Ja zu sagen.“

Schon tief im Beziehungsgeflecht gefangen, erkennt sie seine wahre Natur, kann sich seiner aber nicht mehr entziehen. Er umgibt sie, fügt ihr körperliche Schäden zu und macht sich von ihr abhängig. Dabei nutzt er die Lyrik als Lockmittel um sie zu besänftigen, aber auch, um sein Spiel mit ihr zu spielen und die Fassade aufrecht zu erhalten, sie sei seine von ihm abhängige, depressive Geliebte und ohne ihn vollkommen wertlos. Doch dann lernt sie Ilse kennen, die arglos ist und voller Energie und fantastischer Geschichten steckt. Mit ihr fühlt sie sich stark und allem gewappnet.

Die Geschichte liest sich zunächst sehr verwirrend und wird hauptsächlich von der Lyrik getragen. Nach und nach werden die Figuren und ihre Absichten aber deutlich. Sie ist wenig selbstbewusst, teilweise naiv und begibt sich in seine Fänge, weil sie hofft, endlich gesehen und geliebt zu werden. Er ist ein Einzelgänger, ein Narzisst und nennt sich selbst ihren Welpen. Beide Hauptcharaktere bleiben namenlos, weshalb bis zum Ende eine innere Distanz zu den Figuren bestehen bleibt.

Bei ihrer Freundin Ilse, die sich Anne Bonny nennt, ist sie Mary Read, Schrecken der Meere. Dort ist sie stark und rachlüstern. Die beiden Studentinnen leben eine Zeit lang in ihrer eigenen Welt und lernen sich so kennen und lieben. Sie sind Piratinnen, die um die Welt segeln und sich vom Unheil befreien, das ihnen durch Männer widerfährt. Bis die Realität sie am Ende schließlich einholt.

„Es kann ein vergessener Brokkoli sein oder ein herausgerissenes Herz, die Fäulnis stinkt immer gleich, welche Ursache sie auch hat.“

Amanda Svensson hat ein Buch geschrieben, das besonders Mädchen und Frauen inspirieren dürfte. Es ist kein offenkundig feministisches Werk und dennoch schwingt die leise Forderung nach Gleichberechtigung auf angenehme Weise mit. Die Charaktere werden nicht detailreich dargestellt und dennoch reichen die Handlungen aus, um sich als Leser ein Bild von ihnen machen zu können. Die Heftigkeit der Ereignisse wird durch den Schleier der Lyrik gedämpft und kommt doch beim Leser an. Sprachlich wunderschön erzählt bringt Svensson die Ambivalenz ihrer Protagonistin auf den Punkt.

Ich mag die Geschichte wegen ihrer fiktiven Darstellungen, die zwar ins Fantastische abgleiten, dies aber auf unterhaltsame und wohlige Weise tun. Zudem gefallen mir die Grundaussagen, die für das Recht der Frauen sprechen und an den Mut und Selbstwert des weiblichen Geschlechts appellieren, ohne dabei in Misandrie zu verfallen, wie ich es in feministischen Texten auch erlebt habe.

Amanda Svensson wurde 1987 in Malmö, Schweden geboren. Bereits in jungen Jahren begann sie zu schreiben und gewann den Lilla Augustpriset, einen schwedischen Literaturpreis. Sie studierte Literaturwissenschaften und Französisch.

★ ★ ★ ★


Amanda Svensson: Ich habe dir immer über alles die Wahrheit gesagt. Roman. Allt det där jag sa till dig var sant. Aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein. btb-Verlag bei Randomhouse, München 2019. 288 Seiten. 11€.

Freitag, August 23rd 2019

Catherine Lacey
Das Girlfriend Experiment

*Rezensionsexemplar.

Catherine Laceys Das Girlfriend Experiment ist ein Roman, der im Sommer 2019 im Aufbau-Verlag veröffentlicht wurde. In der Geschichte thematisiert die Schriftstellerin ein kurioses Beziehungs-Experiment, in deren Verlauf sich zeigen soll, was es für eine glückliche Partnerschaft braucht. 

Die Protagonistin des Buches ist Mary, die seit einem Jahr unter nicht erklärbaren Symptomen leidet, die sie nahezu arbeits- und alltagsunfähig machen. Sie begibt sich deshalb in Therapie, die als eher unkonventionell angesehen werden kann und verspürt schon nach kurzer Zeit Besserung. Das Problem dabei ist, das Mary sich diese wertvollen Therapiesitzungen dauerhaft nicht leisten kann. Aus der Not heraus, bewirbt sie sich folgend auf eine Annonce, die eine einkommensschaffende Erfahrung verspricht.

„Wie Omar und Luisa zueinander gefunden hatten, war eine lange Geschichte, die Luisa immer auf Portugiesisch erzählte, als könnte die Erinnerung nicht übersetzt werden.“

Ein Team aus Forschern sucht Frauen für ein Sozial-Experiment, für das sie verschiedene weibliche Rollen besetzen wollen: die sexuelle Partnerin, die Alltagspartnerin, die intellektuelle Partnerin, die mütterliche Partnerin, die Wut-Partnerin sowie die die emotionale Partnerin. Die sechs Frauen haben mehr oder minder die Aufgabe, den Ansprüchen und Wünschen eines Mannes gerecht zu werden und diesen glücklich zu machen. Dabei werden ihnen neben einem exakten Handbuch, dass all ihre Handlungen vorgibt, auch die Garderobe und das Make-up gestellt. Spezielle Sensoren sorgen dafür, dass die Herzfrequenz und der Puls gemessen werden. Das Experiment bestimmt fortan große Teile des Alltagslebens der mitwirkenden Frauen. 

Eine etwas andere Geschichte und eine bizarre Idee. Die Frage, die sich mir nach den ersten fünfzig Seiten stellte: Warum machen diese Frauen bei diesem perfiden Experiment mit? Was haben sie (außer dem Geld) davon und weshalb richten sie ihren gesamten Alltag nach diesem Projekt aus? Sprachlich gehaltvoll und durchdacht führt Lacey durch diese befremdliche Story und löst ein ums andere Mal Unbehagen aus. Die Figuren waren mir eher fern und ich hatte auch nicht das Bedürfnis, sie näher kennen zu lernen. Das sieht die Geschichte aber auch gar nicht unbedingt vor. Viel mehr stehen der Sinn des Experiments und seine Folgen im Vordergrund.

„Im Dunkeln war er vermutlich am meisten er selbst, wie vermutlich jeder, und hätte sie in diesem Moment ein Streichholz angezündet, dann hätte sie sein wahres Gesicht gesehen, jenes Gesicht, das jeder hat und niemand irgendwem zeigt.“

Was macht eine Beziehung aus? Was braucht es, um glücklich zu sein und was entscheidet darüber, ob wir uns verlieben? Antworten auf diese Fragen erhofft sich das Team von Forschern, die das Experiment leiten. Spannend und abwechslungsreich ist die Handlung in jedem Fall und auch der Erzählstil von Catherine Lacey kann mich wieder voll und ganz überzeugen. Ihr Sinn für menschliche Abgründe wird auch in Das Girlfriend Experiment beeindruckend deutlich. Die Geschichte selbst fand ich persönlich nicht ganz greifbar, auch wenn sie sicher nicht fern der Realität und gut erzählt ist.

Eine düstere Dystopie, die beunruhigt, mich aber nicht gänzlich in den Bann ziehen konnte, besonders, weil die Geschichte erst sehr spät an Fahrt aufnimmt.

Catherine Lacey wurde 1985 in Tupelo, Mississippi, USA geboren. Sie studierte Kunst an der Loyola University in New Orleans und ging anschließend nach New York um dort ein Master-Studium in nicht-literarischem Schreiben zu absolvieren. Danach veröffentlicht sie Kurzgeschichten, bis 2014 ihr erster Roman erschien.

★ ★ ★


Catherine Lacey: Das Girlfriend Experiment. Roman. The Answers. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. Aufbau Verlag, Berlin 2019. 320 Seiten. 22€.

Dienstag, August 20th 2019

Herzensbücher #6
Donia Bijan
Als die Tage nach Zimt schmeckten

Bücher, die nachdenklich machen, fesseln und unter die Haut gehen, die einen nicht mehr los lassen und einen besonderen Platz im Herzen einnehmen, das sind ganz besonders wertvolle Werke. Jeder der gern liest, wird Bücher kennen, die ihm besonders wichtig sind, die ihn geprägt haben und die unvergesslich bleiben. Nennen wir sie doch einfach Herzensbücher. Denn so lautet die wunderbare Aktion von Janika und Sabrina. Die Beiden hatten die schöne Idee, ihren Herzensbüchern mehr Raum zu geben. Dieser guten Sache schließe ich mich (endlich) auch an.

Es ist wieder der Zwanzigste des Monats und somit wird es Zeit für ein neues Herzensbuch. Gelesen habe ich es bereits im letzten Sommer nach seinem Erscheinen. Es heisst Als die Tage nach Zimt schmeckten und wurde geschrieben von der iranischen Schriftstellerin Donia Bijan. Diese beschreibt in der Geschichte die Zerrissenheit ihrer Protagonistin Noor, die aus dem Iran stammt, aber mit Beginn in die Volljährigkeit aus ihrem Heimatland in die Vereinigten Staaten immigriert, um dem Terrorregime im Iran zu entfliehen.

„Er atmete tief durch, denn er hatte noch nie so viele Worte an eine Frau gerichtet, und sie wandte sich ab, um ein Lächeln zu verbergen.“

Noor wächst mit ihrem Bruder Mehrdad beim gemeinsamen Vater in Teheran auf. Dieser betreibt dort ein Café von dessen Gerüchen und buntem Treiben Noor von klein auf begeistert ist. Als die Geschwister achtzehn Jahre alt sind, schickt ihr Vater sie in die Vereinigten Staaten zu Verwandten, damit sie dem Terrorregime im Iran entkommen. Für Noor ist ein Weggang aus ihrem Heimatland und weit weg von ihrem Vater zunächst unvorstellbar.

Die Geschichte wird in zwei zeitlichen Ebenen und drei Perspektiven erzählt. So werden neben Noor auch die Gedanken und Erlebnisse von ihrem Vater Zod und ihrer Tochter Lily offenbart. Zu Letzterer hat sie ein schwieriges Verhältnis, das von Spannungen geprägt ist. Ihren Vater vermisst Noor sehr. Im Iran muss sie feststellen, dass ihre Sehnsüchte nach Familie und Zugehörigkeit zwar gestillt, aber auch alte und neue Ängste geschürt werden.

Mich hat das Buch sehr berührt und mir den einen oder anderen sentimentalen Moment beschert. Die Figuren sind mir äußerst nah gegangen, die Handlung ist spannend, faktenreich und warmherzig. Besonders das Café Leila wurde authentisch dargestellt. Man konnte den Safran und den Zimt praktisch schmecken. Des Weiteren wurde dem Leser durch das Café auch die persische Kultur näher gebracht. Ein Generationen übergreifendes Wohlfühlbuch, das mit auf die Reise nimmt.

★ ★ ★ ★ ★


Teilnahmebedingungen im Überblick

# Die Herzensbücher werden immer zum 20. des Monats auf dem Blog, bei Instagram oder Twitter vorgestellt

# Jeder Teilnehmer beschreibt, warum gerade dieses Buch ein Herzensbuch für ihn ist

# Der Beitrag sollte maximal 500 Wörter haben

# Janika und Sabrina sollten als Gründerinnen natürlich im Beitrag verlinkt werden

Mehr Herzensbücher

Haunted Cupcake, Zeilenwanderer, ReadEatLive

Donia Bijan: Als die Tage nach Zimt schmeckten. Roman. Last Days of Café Leila. Aus dem Englischen von Susanne Goga-Klinkenberg. Ullstein Verlag, Berlin 2018. 384 Seiten. 11€.

@zeilentaenzer_org