Montag, Mai 20th 2019

Herzensbücher #4
Nell Leyshon
Die Farbe von Milch

Bücher, die nachdenklich machen, fesseln und unter die Haut gehen, die einen nicht mehr los lassen und einen besonderen Platz im Herzen einnehmen, das sind ganz besonders wertvolle Werke. Jeder der gern liest, wird Bücher kennen, die ihm besonders wichtig sind, die ihn geprägt haben und die unvergesslich bleiben. Nennen wir sie doch einfach Herzensbücher. Denn so lautet die wunderbare Aktion von Janika und Sabrina. Die Beiden hatten die schöne Idee, ihren Herzensbüchern mehr Raum zu geben. Dieser guten Sache schließe ich mich (endlich) auch an.

Und es ist wieder soweit, ich stelle euch heute mein viertes Herzensbuch vor und bin vor jedem Beitrag der Aktion schon immer ganz aufgeregt und freue mich, meine Lieblingsbücher mit euch teilen zu dürfen. In diesem Fall handelt es sich um Die Farbe von Milch von Nell Leyshon. Den meisten von euch dürfte zumindest der Titel ein grober Begriff sein. Zunächst erinnert die Geschichte, welche aus der Sicht der vierzehnjährigen Protagonistin erzählt wird, an ein Märchen – zumindest, wenn man das Setting betrachtet: eine englische Landschaft im Jahr 1831.

Schnell wird aber deutlich, dass es in dem Örtchen, an dem die Handlung spielt, nie richtig hell zu werden scheint. Die Charaktere sind rau und wenig emphatisch, was sicher auch der Zeit geschuldet ist und den Umständen unter welchem die Menschen damals lebten. Mary ist vierzehn Jahre alt und lebt gemeinsam mit ihren Eltern, ihrem Großvater und ihren drei Schwestern auf einem englischen Bauernhof. Dort wird sie wie eine Sklavin behandelt, die vor allem dazu dient, das Land zu bewirtschaften. Bis auf ein Bett und tägliche Mahlzeiten ist es nicht viel, was Mary von ihrer Familie zu erwarten hat. Nur ihr Großvater, welcher bettlägerig ist, kann sie hin und wieder aufheitern.

„Und nun werde ich den allerletzten Satz zu Ende schreiben. Und dann werde ich frei sein.“

Eines Tages wird Mary von ihrem Vater in das Haus des Pfarrers geschickt, dessen kranke Frau sie fortan betreuen soll. Zunächst nimmt sich Mary dieser Aufgabe bereitwillig an und fühlt sich wohl mit ihrer neuen Situation. Der Pfarrer ist ihr zugewandt und bringt ihr in regelmäßigen Unterrichtsinheiten das Lesen bei. Doch nachdem die Pfarrersfrau stirbt, beginnt für das junge Mädchen ein Martyrium ungeahnten Ausmaßes.

Nell Leyshon besitzt die Gabe mit einfacher (aber treffender) Sprache und wenig Spektakel ein großes Drama zu erzeugen, welches erschüttert und den Leser frösteln lässt. Mary erträgt ihr Schicksal mit gnadenlosem Stoizismus, bis sie es schlussendlich schafft, sich ihrer fatalen Lage zu entziehen und zur tragischen Figur wird. Ein Roman voller Wucht und großer Qualen, der tief erschüttert und bestürzt zurücklässt und doch aufgrund seiner faszinierenden Umsetzung so lesenswert ist.

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Teilnahmebedingungen im Überblick

# Die Herzensbücher werden immer zum 20. des Monats auf dem Blog, bei Instagram oder Twitter vorgestellt

# Jeder Teilnehmer beschreibt, warum gerade dieses Buch ein Herzensbuch für ihn ist

# Der Beitrag sollte maximal 500 Wörter haben

# Janika und Sabrina sollten als Gründerinnen natürlich im Beitrag verlinkt werden

Nell Leyshon: Die Farbe von Milch. Roman. The Color Of Milk. Eisele Verlag, München 2018. Aus dem Englischen von Wibke Kuhn. 208 Seiten. 18€.

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