Dienstag, Januar 8th 2019

Fynn
Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna

Das Kinder- und Jugendbuch Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna wurde 1974 erstmals veröffentlicht und vom Fischer-Verlag neu aufgelegt. Der unbekannte Autor schrieb das Buch unter dem Pseudonym Fynn. 1987 und 1990 gab es weitere Fortsetzungen. Die Geschichte handelt von der fünfjährigen Anna, die von zuhause ausreißt, um den vermeintlichen Gewalttaten der Eltern zu entgehen. Der neunzehnjährige Schriftsteller Fynn nimmt Anna bei sich auf.

Die Handlung spielt im Londoner East Ende der 1930er Jahre. Die Welt befindet sich in der Wirtschaftskrise. Anna, ein kleines Mädchen, das ihrem Zuhause den Rücken kehrt u  Schlägen zu entgehen, lernt den wesentlich älteren Fynn kennen, der das Mädchen bei sich und seiner Mutter daheim aufnimmt. Anna ist klug und wissbegierig. Sie kann theoretische und philosophische Zusammenhänge erschließen, die für ihr junges Alter beachtlich sind. Anna ist felsenfest davon überzeugt, dass es einen Mister Gott gibt und glaubt, dass er sie versteht.

Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna ist ein Klassiker der Literatur. Mir aber war das Buch, bevor ich es zu Weihnachten geschenkt bekam, völlig unbekannt. Ich habe es in der Fischer-Taschenbibliotheks-Ausgabe bekommen, die mir sehr gefällt. Die Handlung wird selten chronologisch wieder gegeben, sodass ich zunächst Schwierigkeiten hatte, die zeitliche Abfolge nachzuempfinden und nachvollziehen zu können, wie viel Zeit von einem Ereignis zum nächsten vergangen ist. Möglicherweise wollte der unbekannte Autor genau das bezwecken. Meinem persönlichen Lesevergnügen wäre es zuträglicher gewesen, zu wissen, in welchem Zeitraum die Dinge geschehen.

„Du hast sieben Bonbons in der einen Hand und neun in der anderen. Wie viel Bonbons besitzt du im Ganzen?“

Anna bildete sich die Bonbons ein und fand sogleich die triumphierende Antwort: „…Vierzehn.“

„Aber nein, Anna“, sagte Mrs. Hayes geduldig, „du hast noch mehr. Du hast sechzehn. Sieh mal, sieben Bonbons und neun Bonbons sind sechzehn.“

„Das weiß ich doch“, sagte Anna, „aber Sie haben gesagt, ich muss mir das vorstellen, und da hab ich mir vorgestellt, eins ess ich gleich, und eins schenk ich meiner Freundin. Dann bleiben vierzehn.“

Das Cover ist aussagekräftig. Es zeigt ein kleines Mädchen mit zwei geflochtenen Zöpfen auf einem Brett sitzend, in der Hand einen Telefonhörer und herunter baumelnden Beinen. Ich mag die Idee des Buches vor allem deshalb, weil es keine alltägliche ist, keine die uns schon tausendfach begegnet ist. Anna ist ein aufgewecktes, lebenslustiges und neugieriges Kind, das nie müde wird, sich ihre Welt zu erschließen. Dabei zeigt sie großes Interesse an ihrer Umwelt und deren Einflüssen. Anna möchte begreifen, wie die Dinge laufen und holt sich dabei oft Rat bei Fynn. Diesem wird schnell klar, das Anna ein besonderes Kind ist, von dem auch er noch lernen kann.

Anna stellt Überlegungen zu Systemen an, die für Erwachsene ganz selbstverständlich scheinen. Sie hat eine ganz eigene Sicht auf die Welt und die Menschen, die in ihr leben. Der Erzählstil ist flüssig, manche Worte brachten mich zum Schmunzeln, weil man sie im heutigen Sprachgebrauch kaum noch nutzt. Hier wird deutlich, dass die Geschichte aus den Siebzigerjahren stammt. Annas Gedanken sind häufig amüsant, enthalten im Kern aber immer auch die Wahrheit. Eine Protagonistin, die einem im Laufe des Buches immer mehr ans Herz wächst.

Eine sehr schöne Lektüre, die aufzeigt, dass es lohnt, die Welt viel öfter mit Kinderaugen zu betrachten um so den verklärten Blick des Erwachsenen abzulegen. Eine Handlung, die nachdenklich macht und am Ende zu Tränen rührt. Ein Klassiker, der in jedes Bücherregal gehört.

Fynn soll nach Angaben einer englischen Webseite der Engländer Sydney George Hopkins gewesen sein, welcher von 1919 – 1999 lebte. Anna und Fynn haben nach Angaben des Fischer-Verlages wirklich gelebt. Mit diesem Buch wollte der Autor die gemeinsame Geschichte aufschreiben und einer breiteren Masse zukommen lassen.

★ ★ ★ ★


Fynn: Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna. Mister God, This Is Anna. Aus dem Englischen von Helga Heller-Neumann. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010. 208 Seiten. 7€.

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Kommentare

  1. Am Dienstag, Januar 8th 2019 Tina sagt:

    Oh, die Bücher um Anna habe ich geliebt! Allerdings habe ich nur 2(?) der ich glaube 3 Bücher gelesen und neulich erst das mir unbekannte entdeckt. Das muss ich mir bald zulegen! Vor allem in so einer schönen Ausgabe!

    Liebe Grüße
    Tina

    1. Am Dienstag, Januar 8th 2019 Zeilentänzerin sagt:

      Danke dir für dein Kommentar. Finde ich sehr spannend =) Ich kannte die Anna-Bücher ja bis vor kurzem gar nicht.

  2. Am Dienstag, Januar 8th 2019 Buchperlenblog sagt:

    Hallöchen!
    Das Buch klingt nach einer Geschichte für mich. Deine Rezension hat mich gerade richtig gepackt und das Buch wandert prompt auf die Liste! Ich finde Bücher, die aus der Sicht von Kindern geschrieben wurden, immer sehr spannend. Kinder haben einen völlig anderen Blick auf die Ereignisse als Erwachsene. Danke für den Tipp!

    Liebe Grüße!
    Gabriela

    1. Am Dienstag, Januar 8th 2019 Zeilentänzerin sagt:

      Das freut mich sehr, liebe Gabriela! Da hast du Recht, Kinder bewerten Dinge auch ganz anders als Erwachsene, was ganz erfrischend sein kann. Ich kannte en Klassiker auch nicht, bis ich ihn zu Weihnachten von meiner Mama bekam.

  3. Am Dienstag, Januar 8th 2019 Silvia sagt:

    Ich habe den ersten Band Anfang der 80 iger gelesen. Das Buch war in aller Munde. Ein re-read wäre eine gute Idee. Mal sehen, ob es noch im Regal meiner Eltern steht. Oder ich besorge mir eine englische Ausgabe.
    Schön, dass es auch heute noch Freunde findet!
    Grüße
    Silvia

    1. Am Dienstag, Januar 8th 2019 Zeilentänzerin sagt:

      Das finde ich sehr spannend, liebe Silvia. Danke für deinen Kommentar dazu!

  4. Am Dienstag, Januar 8th 2019 Jennifer sagt:

    Liebe Zeilentänzerin,
    oh, das Buch hatte eine Freundin von mir mal und wollte es mir immer ausleihen. Leider ist der Kontakt eingeschlafen, als sie umziehen musste. Vielleicht muss ich mir das Buch einfach mal selbst kaufen, das klingt wirklich sehr gut!
    Viele Grüße
    Jennifer
    #Litnetzwerk

    1. Am Dienstag, Januar 8th 2019 Zeilentänzerin sagt:

      Ich kann es nur empfehlen =)

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