Die Nacht der verschwundenen Dinge ist ein Roman von dem Österreicher J.F. Dam, welcher Anfang des Jahres 2015 im Deuticke Verlag im Hause Hanser erschienen ist. Dam erzählt die Geschichte von Thomas und Christina, einem jungen, erfolgreichen Paar, welches in ihrer gutbürgerlichen Existenz ihre Zuneigung füreinander verloren hat.

Christina und Thomas sind seit Jahren ein festes Paar. Er ist erfolgreicher Architekt, sie entwirft Mode. Bei Beiden hat sich der Alltag eingeschlichen und Zeit miteinander ist Mangelware. Thomas hatte bereits Affären und auch Christina flirtet gern mit anderen Männern. An einem harmlosen Abend mit Freunden verliebt sich Thomas plötzlich in Helen, die Frau seines besten Freundes Michael. Irgendwann gelingt es Thomas nicht mehr, seine Gefühle geheim zu halten, sodass es immer schwieriger wird, Michael zu treffen und sein Begehren für Helen zurück zu halten.

Die Nacht der verschwundenen Dinge habe ich zwischen Weihnachten und Neujahr letzten Jahres ganz zufällig im Dussmann entdeckt und den Inhalt direkt für spannend befunden. Ich bevorzuge lesetechnisch Beziehungskonstellationen, weil ich die Charaktere häufig sehr vielschichtig dargestellt sehe, mich mit den Geschichten identifizieren kann und die Dramatik liebe. In diesem Fall bin ich mit dem Erzählstil leider nie ganz warm geworden. Der Autor schreibt auf anspruchsvolle, kluge Weise, seine Charakterzeichnungen hingegen konnten mich nicht überzeugen. Oft finde ich die Handlungen und Gedanken der Figuren nicht nachvollziehbar, zudem bleiben sie wenig durchschaubar.

„Ein weißer Verband, da sind sie aneinander gekracht, da hat der Tod sein Glück versucht und sein erstes Loch geschlagen.“

J.F. Dam umschreibt auf anschauliche Weise das Leid des Liebenden. Thomas Well verliebt sich trotz langjähriger Partnerschaft in die Frau seines besten Freundes und muss feststellen, dass dies nicht nur anfänglich zu großen Komplikationen führt. Seiner großen Gefühle und unerbittlichen Sehnsucht kann er nur schwer Ausdruck verleihen, zu groß ist die Gefahr aufzufliegen und für eine Katastrophe zu sorgen. Gleichsam ist da das Verlangen nach Helen, der Frau, die es ihm nach einem gemeinsamen Konzertbesuch mit seiner Partnerin und ihrem Mann angetan hat. Dam bedient sich Zitaten von Werther und Dante Alighieri, welche bekanntlich Leidensgenossen der Liebe waren.

Die Geschehnisse wirken zu unaufdringlich und wenig bedeutsam, sodass mich der Leidensdruck des Hauptcharakters nie ganz erreichen konnte. Grundsätzlich fiel es mir schwer mich in Thomas Well hineinzuversetzen, seine Seele näher zu ergründen, zu verstehen, was ihn umtreibt. Während manche Handlungen durch Liebeskummer geplagt sind und damit folgerichtig erscheinen, gehen andere der gleichen Person wiederum nicht konform.

Christina ist mir die komplette Geschichte hindurch unsympathisch. Sie scheint sich weniger für ihre Beziehung zu Thomas, als viel mehr für andere Männer und die eigene Karriere zu interessieren, sodass es schwer fällt, Mitgefühl für sie zu entwickeln. Helen, der „Auserwählten“ wird aus meiner Sicht eine viel zu geringe Aufmerksamkeit zuteil. Bei den Charakterzeichnungen hätte ich mir allgemein viel mehr Tiefe gewünscht und auch das Ende konnte dieses Defizit nicht ausbügeln.

Eine gut gemeinte Idee und ein klug formuliertes Buch, welches durch seine schwachen Figuren nicht überzeugen kann. Leider hielt Die Nacht der verschwundenen Dinge für mich nicht, was es versprach.

J.F. Dam wurde 1963 in Österreich geboren. Er studierte Sanskrit und indische Philosophie in Wien. Vor allem Sachbücher über Indien und den Hinduismus machten den Autoren bekannt. Dam reiste vor allem durch Südasien. Mittlerweile lebt er in Salzburg.

★ ★


J.F. Dam: Die Nacht der verschwundenen Dinge. Roman. Deuticke im Paul Zsolnay Verlag, Wien 2015. 208 Seiten. 18.90€. 

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