Freitag, August 23rd 2019

Catherine Lacey
Das Girlfriend Experiment

*Rezensionsexemplar.

Catherine Laceys Das Girlfriend Experiment ist ein Roman, der im Sommer 2019 im Aufbau-Verlag veröffentlicht wurde. In der Geschichte thematisiert die Schriftstellerin ein kurioses Beziehungs-Experiment, in deren Verlauf sich zeigen soll, was es für eine glückliche Partnerschaft braucht. 

Die Protagonistin des Buches ist Mary, die seit einem Jahr unter nicht erklärbaren Symptomen leidet, die sie nahezu arbeits- und alltagsunfähig machen. Sie begibt sich deshalb in Therapie, die als eher unkonventionell angesehen werden kann und verspürt schon nach kurzer Zeit Besserung. Das Problem dabei ist, das Mary sich diese wertvollen Therapiesitzungen dauerhaft nicht leisten kann. Aus der Not heraus, bewirbt sie sich folgend auf eine Annonce, die eine einkommensschaffende Erfahrung verspricht.

„Wie Omar und Luisa zueinander gefunden hatten, war eine lange Geschichte, die Luisa immer auf Portugiesisch erzählte, als könnte die Erinnerung nicht übersetzt werden.“

Ein Team aus Forschern sucht Frauen für ein Sozial-Experiment, für das sie verschiedene weibliche Rollen besetzen wollen: die sexuelle Partnerin, die Alltagspartnerin, die intellektuelle Partnerin, die mütterliche Partnerin, die Wut-Partnerin sowie die die emotionale Partnerin. Die sechs Frauen haben mehr oder minder die Aufgabe, den Ansprüchen und Wünschen eines Mannes gerecht zu werden und diesen glücklich zu machen. Dabei werden ihnen neben einem exakten Handbuch, dass all ihre Handlungen vorgibt, auch die Garderobe und das Make-up gestellt. Spezielle Sensoren sorgen dafür, dass die Herzfrequenz und der Puls gemessen werden. Das Experiment bestimmt fortan große Teile des Alltagslebens der mitwirkenden Frauen. 

Eine etwas andere Geschichte und eine bizarre Idee. Die Frage, die sich mir nach den ersten fünfzig Seiten stellte: Warum machen diese Frauen bei diesem perfiden Experiment mit? Was haben sie (außer dem Geld) davon und weshalb richten sie ihren gesamten Alltag nach diesem Projekt aus? Sprachlich gehaltvoll und durchdacht führt Lacey durch diese befremdliche Story und löst ein ums andere Mal Unbehagen aus. Die Figuren waren mir eher fern und ich hatte auch nicht das Bedürfnis, sie näher kennen zu lernen. Das sieht die Geschichte aber auch gar nicht unbedingt vor. Viel mehr stehen der Sinn des Experiments und seine Folgen im Vordergrund.

„Im Dunkeln war er vermutlich am meisten er selbst, wie vermutlich jeder, und hätte sie in diesem Moment ein Streichholz angezündet, dann hätte sie sein wahres Gesicht gesehen, jenes Gesicht, das jeder hat und niemand irgendwem zeigt.“

Was macht eine Beziehung aus? Was braucht es, um glücklich zu sein und was entscheidet darüber, ob wir uns verlieben? Antworten auf diese Fragen erhofft sich das Team von Forschern, die das Experiment leiten. Spannend und abwechslungsreich ist die Handlung in jedem Fall und auch der Erzählstil von Catherine Lacey kann mich wieder voll und ganz überzeugen. Ihr Sinn für menschliche Abgründe wird auch in Das Girlfriend Experiment beeindruckend deutlich. Die Geschichte selbst fand ich persönlich nicht ganz greifbar, auch wenn sie sicher nicht fern der Realität und gut erzählt ist.

Eine düstere Dystopie, die beunruhigt, mich aber nicht gänzlich in den Bann ziehen konnte, besonders, weil die Geschichte erst sehr spät an Fahrt aufnimmt.

Catherine Lacey wurde 1985 in Tupelo, Mississippi, USA geboren. Sie studierte Kunst an der Loyola University in New Orleans und ging anschließend nach New York um dort ein Master-Studium in nicht-literarischem Schreiben zu absolvieren. Danach veröffentlicht sie Kurzgeschichten, bis 2014 ihr erster Roman erschien.

★ ★ ★


Catherine Lacey: Das Girlfriend Experiment. Roman. The Answers. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. Aufbau Verlag, Berlin 2019. 320 Seiten. 22€.

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Kommentare

  1. Am Freitag, August 23rd 2019 Janika sagt:

    Hallo meine Liebe,
    schade, dass dich das Buch nicht ganz überzeugen kann. Die Idee ist schon ziemlich befremdlich, aber auch ziemlich spannend. Solche Themen kann ich mir immer gut als Film vorstellen. Vor allem dein letzter Kritikpunkt, dass die Geschichte erst spät an Fahrt aufnimmt, könnte in einem Film vielleicht besser umgesetzt werden 🙂
    Ich drück die Daumen, dass dein nächstes Buch dich etwas mehr begeistern wird <3
    Alles Liebe
    Janika

    1. Am Freitag, August 23rd 2019 Zeilentaenzer sagt:

      Jaaa, einen Film wirds da vielleicht noch geben, da ging es mir wie dir – kann ich mir gut vorstellen!

  2. Am Freitag, August 23rd 2019 Kate sagt:

    Hallöchen,
    als ich das Buch in der Buchhandlung entdeckte, hat mich schon das Cover total angesprochen. Die Idee finde ich super, aber dich scheint das Buch ja nicht so sehr überzeugt zu haben. Sehr schade eigentlich.
    Liebste Grüße, Kate

    1. Am Freitag, August 23rd 2019 Zeilentaenzer sagt:

      Das Cover ist mega, ja. Wobei ich das Original sogar noch ansprechender finde. Die Handlung ist spannend und unterhält gut, aber meins war es leider nur zum Teil.

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