Jugendliteratur

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Moira Frank
Nachtschwärmer / abgebrochen

*Rezensionsexemplar.

Nachtschwärmer ist ein Jugendbuch der deutschen Autorin Moira Frank aus dem Sommer 2019. Veröffentlicht wurde der Titel im cbj-Verlag bei Randomhouse. Die Protagonistin Helena ist siebzehn Jahre alt und auf den Spuren ihres verlorenen Bruders unterwegs. Kurz bevor sie ihn treffen kann, stirbt er jedoch bei einem Verkehrsunfall. 

Helena lebt in Berlin und steht kurz vor ihrer Abitur-Prüfung, von der sie überzeugt ist, sie zu verhauen. Sie führt eine Beziehung mit Ole, einem beliebten Jungen an ihrer Schule. Ihre Mutter hat Helena nie kennen gelernt. Über Facebook hat sie nun aber ihren Bruder Lukas, der in der nahen Uckermark lebt, ausfindig machen können. So erhofft sie sich, diesen und ihre Mutter zeitnah zu treffen. Nach langen Telefonaten mit Lukas, möchten sich die Geschwister nun endlich wahrhaftig begegnen. Doch dann wird Lukas tragisch aus dem Leben gerissen. 

Ich habe hin und her überlegt, ob ich diese Rezension, wenn man sie denn so nennen kann, schreiben soll. Letztendlich habe ich mich dafür entschieden. Ich habe etwas mehr als die Hälfte des Buches gelesen, 222 Seiten um genau zu sein, und entschieden, an der Stelle abzubrechen. Die Gründe sind nicht schwerwiegend, weshalb es mir nicht leicht gefallen ist. Dennoch habe ich für mich feststellen müssen, dass es einfach nicht mein Buch ist, dass ich mehr erwartet habe oder einfach andere Vorstellungen hatte.

„Ich tauche keuchend aus dem dunklen kalten Wasser zurück an die warme Nacht. Wir schwammen ein Stück raus, weit weg vom Strand, rückten alles in eine andere Perspektive. Der Sternenhimmel über uns war so hell, wie ich vielleicht noch nie einen gesehen hatte.“

Das wunderschöne Cover und der Klappentext haben mich sehr neugierig auf Nachtschwärmer gemacht. Es ist ein Jugendbuch, dass es sich zu lesen sicher lohnt. Handlung und Figuren sind genretypisch, der Erzählstil ist der Zielgruppe angemessen und die Idee ist keine schlechte. Moira Frank hat nach Sturmflimmern ein weiteres Jugendbuch geschrieben, das durch ein auffallend schönes Cover-Motiv und eine weibliche Hauptrolle besticht, die sich mit großen Herausforderungen auseinandersetzen muss.

So weit, so gut. Möglicherweise war meine Wahl etwas leichtsinnig. Zu sehr habe ich mich nach Langem auf ein Jugendbuch gefreut, das packend und spannungsreich ist, mich nachdenklich macht und das ich meinen Lesern vorstellen möchte. Mit den Figuren, inklusive Helena, sowie der gesamten Handlung, konnte ich mich aber nicht identifizieren. Des Weiteren fehlte mir der Glaube daran, dass sich die Geschichte noch großartig entwickeln kann. Was sehr schade ist, weil ich zum Handlungsort, der Uckermark, enge familiäre Beziehungen pflege. Weil ich aber denke, dass eine Rezension authentisch und ehrlich sein sollte, berichte ich über Nachtschwärmer, auch wenn ich es abgebrochen habe.

Die Frage danach, ob es sinnvoll ist, ein Buch bis zur Hälfte zu lesen und dann zu beenden, kann ich nicht für andere beantworten. Ich für mich denke aber, dass es richtig gewesen ist. Denn es warten andere Bücher auf mich, die mir womöglich eher liegen. Ich finde es dennoch schade und hätte gern weitergelesen, sofern mich das Buch im Gesamten mehr angesprochen hätte. Für mich bleibt am Ende zu sagen, dass ich in keineswegs von dem Buch abraten würde, da es durchaus eines ist, das anderen gut gefallen wird. Es ist eine persönliche Meinung, nicht mehr. Somit wird es natürlich nicht in meiner Lesestatistik berücksichtigt und die Wertung entfällt, da ich es aufgrund des vorzeitigen Abbruchs nicht objektiv bewerten kann.

Moira Frank wurde 1993 bei Hamburg geboren. Sie studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim. 2015 war sie Stipendiatin des Klagenfurter Literaturkreises. Ihr erster Jugedroman ist Sturmflimmern.

keine Wertung, da Buch abgebrochen


Moira Frank: Nachtschwärmer. Jugendbuch. cbj Verlag bei Randomhouse, München 2019. 400 Seiten. 17€.

Christian Linker
Und dann weiss jeder, was ihr getan habt

Und dann weiss jeder, was ihr getan habt ist ein Jugendthriller von Christian Linker, welcher 2019 im dtv-Verlag erschienen ist. Der Autor erzählt die Geschichte vom plötzlichen Verschwinden eines jungen afrikanischen Mädchens, lässt seine Leser hinter die Fassaden ihrer Mitschüler und tief in ihre Abgründe blicken. 

Muriel kommt aus einer wohlhabenden Familie und lebt mit ihrem Vater zusammen, der selten zuhause ist. Sie ist eine Einzelgängerin und nicht sonderlich beliebt an ihrer Schule.  Ihre einzig wirklich Freundin war aus ihrer Sicht Precious, eine ehemalige Mitschülerin aus Nigeria. Diese ist seit einer Studienfahrt an die Ostsee spurlos verschwunden. Lediglich ihre Jacke wurde gefunden. Muriel glaubt fest daran, dass Precious in den Tod getrieben wurde. Unter einem Vorwand lädt sie deshalb vier ihrer Mitschüler zu sich nach Hause ein, um dem Schuldigen ein Geständnis zu entlocken. Was niemand der vier Schüler weiß: Muriel hat dafür gesorgt, dass alles, was sie sagen und tun live ins Internet übertragen wird. 

Nachdem mich der Beginn sehr verwirrte, habe ich dann doch gut in die Geschichte hinein finden können. Zunächst wird Muriels Perspektive geschildert und ihr Plan vorgestellt, ihren Mitschülern im hauseigenen Keller das Geheimnis um Precious abzutrotzen. Özge, Lennard, Constantin und Daria könnten unterschiedlicher nicht sein, was aber auch in einer realen Schulklasse sicher nicht ungewöhnlich ist. Muriel ist wie besessen von der Idee, den Schuldigen an Precious Tod zu finden. Die Nigerianerin flüchtete aus ihrem Land nach Deutschland, musste mit ansehen wie ihre Familie starb und nahm eine beschwerliche Reise auf sich, um sicher ankommen zu können. Muriel ist überzeugt, dass es für den möglichen Täter ein Leichtes war, Precious zu täuschen, da diese vom Leben gezeichnet wurde.

„Aber sag, weißt du denn, wer du wirklich bist? Vielleicht trägst du dein Leben lang denselben Namen. Vielleicht hast du schon immer in diesem Land gelebt und niemand aus deiner Familie wurde erschossen oder geköpft oder entführt und vergewaltigt? Bist du deswegen klüger? Weißt du deswegen mehr, wer du bist? Genügt es nicht zu wissen, dass wir am Leben sind?“

Nicht nur Muriels, sondern auch die Blickwinkel aller anderen werden im Verlauf der Geschichte geschildert, indem diese aus der Ich-Perspektive erzählen. Christian Linker verleiht seinen Figuren damit Persönlichkeit und lässt seinen Leser nach und nach auf die Spur der Wahrheit kommen. Ist Precious wirklich tot? Hat jemand damit zu tun? Und wenn ja, wer war es und warum? Das sind die drängenden Fragen in diesem Thriller. Die Handlung nimmt schnell Fahrt auf, sodass es an Spannung nicht mangelt. Die Erzählweise des Autoren ist nicht aussergewöhnlich und lässt sich leicht und flüssig lesen. Die Jugendsprache hat mich einige Male jedoch stark gestört, sodass ich besonders anfangs wenig Lust hatte, dranzubleiben. 

Precious, die eine übergeordnete Rolle spielt, kommt leider zu kurz. Ihr Charakter wird nur unscharf dargestellt und in diesem geringen Maße kommt er nicht unbedingt gut weg. Trotz ihrer intensiven Fluchterfahrung und der vom Autor angerissenen sexuellen Ausbeutung die sie erleiden musste, wird sie als eher kaltschnäuziges Mädchen beschrieben, die nicht davor zurückschreckt, sich für Geld anzubieten, was aus meiner Sicht aufgrund ihrer Vorgeschichte nicht ganz glaubwürdig erscheint. Lediglich im letzten, ihrem Kapitel, lassen sich bei ihr Schwächen und somit Menschlichkeit erkennen. Linker reißt die Aspekte Flucht, Fremdenhass und Integration an und weckt aufgrund der Aktualität der Themen das Interesse seiner jugendlichen Leser. 

Die verschiedenen Erzählperspektiven verleihen der Geschichte Abwechslung und Dramatik. Abgesehen vom etwas verwirrenden Anfang überzeugt das Buch durch Rasanz und Nervenkitzel. Die sehr klischéehaft verwendete jugendliche Sprache und die nur geringe Darstellung der Person von Precious störten mich leider. Insgesamt jedoch bleibt es ein gelungener Jugendthriller. 

Christian Linker wurde 1975 in Leverkusen geboren. Er studierte Theologie und war in der Jugendpolitik aktiv. Anchließend widmete er sich dem Schreiben. Seine Jugendbücher wurden mehrfach ausgezeichnet. Linker lebt mit seiner Familie in Leverkusen. 

★ ★ ★ ★


Christian Linker: Und dann weiss jeder, was ihr getan habt. Jugendbuch / Thriller. dtv-Verlag, München 2019. 252 Seiten. 14.95€. 

Stefanie Höfler
Der grosse schwarze Vogel

*Rezensionsexemplar.

Der große schwarze Vogel ist eine Geschichte von Stefanie Höfler aus dem Jahr 2018. Das Jugendbuch ist im Beltz-Verlag erschienen. In der Geschichte geht es um den vierzehnjährigen Ben, der, ganz unerwartet, an einem strahlenden Oktobertag, seine Mutter verliert.

Ben hat einen jüngeren Bruder, Karl, der aber von allen nur Krümel genannt wird. Weil der Vater in ein tiefes Loch fällt, wohnen die Brüder zunächst bei Tante Gerda. Während Krümel immer wieder weg läuft, der Vater die Jazzmusik seiner verstorbenen Frau hört und sein bester Freund Janus nicht recht mit ihm umzugehen weiß, geht Bens Leben irgendwie weiter. Und trotz großem Verlust und tiefem Schmerz, geschieht plötzlich auch Schönes.

Die Aufmachung des Buches ist sehr farbenfroh gestaltet. Die Illustrationen zeigen Blätter verschiedener Bäume, die den Herbst ankündigen. So wird ein direkter Zusammenhang zum herbstlichen Tag hergestellt, an dem die Mutter stirbt und gleichzeitig auf ihre naturbezogene Persönlichkeit hingewiesen. Die Mutter liebte ausgiebige Waldspaziergänge und Pflanzen aller Art.

„…und so saßen wir noch eine Weile schweigend nebeneinander, während fünf bunte Luftballons irgendwo Richtung Erdatmosphäre schwebten, die die meisten Menschen einfach Himmel nennen.“

Höfler erzählt die Geschichte fast lautlos, geradezu distanziert. Sie lässt wenig Raum für große Emotionen, scheint ihren Leser schonen zu wollen. Die Kapitel wechseln zwischen der Woche, in welcher Bens Mutter stirbt und seinen Erinnerungen an sie. Jeder der Protagonisten scheint für sich zu trauern und jeder tut dies auf seine ganz persönliche Art. Obwohl die Thematik selbst tiefe Trauer und großen Schmerz verspricht, ist es die Hoffnung und das Leben selbst, die Ben an das Gute denken lassen. Trauerbewältigung aus eigenem Antrieb und nach eigenem Ermessen gelingt hier auf sehr stille Weise.

Es sind nicht ausschließlich die positiven Aspekte, die Ben bei dem Gedanken an seine Mutter verspürt. Er hat ganz genau ihre regelmäßigen, heftigen Wutausbrüche im Kopf, wenn er an sie denkt. Aber eben auch ihre Leidenschaft für Jazz-Musik und ihre tiefe Liebe für die Natur und ihre Familie, ihre roten Haare, die überall herum liegen und ihren großen Mund.

Zum Ende hin wird die Autorin etwas lauter, hält aber den ruhigen Ton. Für meinen Geschmack hätte die Erzählung mehr Tiefgang, mehr Emotionen vertragen können. Stefanie Höfler versucht den Tod eines nahen Angehörigen als Literaturthema für junge Menschen zu enttabuisieren, läuft aber Gefahr, aufgrund großer Distanz zur Trauer genau das zu verfehlen. Insgesamt ist es eine sehr schöne Geschichte, sofern diese Formulierung, in Anbetracht der Thematik erlaubt ist. Die Charaktere sind sympathisch, ihre Handlungen jedoch oft zu starr. Der leise Ton kann für betroffene Jugendliche aber durchaus der richtige sein.

„Ich wollte mich fallen lassen, in Ma´s Arme stürzen, wollte wieder klein sein und einfach nur warten, bis alles, was mir Angst machte und schrecklich war und wehtat, von selbst vorbeiging, während ich meine Augen fest geschlossen hielt.“

Stefanie Höflerwurde 1978 geboren und studierte Germanistik, Anglistik und Skandinavistik in Freiburg und in Dundee, Schottland. Ihr Jugendbuch Mein Sommer mit Mucks war für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Sie arbeitet als Lehrerin und Theaterpädagogin und lebt mit ihrer Familie im Schwarzwald.

★ ★ ★


Stefanie Höfler: Der grosse schwarze Vogel. Beltz-Verlag, Weinheim Basel 2018. 182 Seiten. 13.95€.