Historischer Roman

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Sándor Márai
Die Glut

Der ungarische Autor Sándor Márai schrieb 1942 den Roman Die Glut. 1950 erschien dieser das erste Mal auf deutsch unter dem Titel Die Kerzen brennen ab. 1990 wurde in Deutschland das Original neu herausgegeben und 1998 in deutscher Übersetzung wiederveröffentlicht. Der Piper-Verlag brachte Die Glut im Sommer 2018 in Neuauflage auf den Markt. Márai erzählt die Geschichte von den Jugendfreunden Henrik und Konrád, die sich vor über einundvierzig Jahren zum letzten Mal gesehen haben. Inzwischen ist viel Zeit ins Land gegangen und Henrik hat lange auf ein Wiedersehen gewartet, das Klarheit darüber geben soll, warum Konrád damals ohne ein Wort verschwunden ist.

Henrik (im Folgenden General genannt) lebt seit jeher in einem ehemals ungarischen Jagdschloss am Rande der Karpaten. Er entstammt einer reichen Familie des Hochadels. Konrád kommt aus eher ärmlichen Verhältnissen. Doch trotz der großen Unterschiede entwickelt sich zwischen beiden eine tiefe Freundschaft, die vom Kindes- bis ins junge Erwachsenenalter anhält. Nach einem mysteriösen Jagdausflug ist jedoch nichts mehr wie zuvor zwischen den Männern und auch Krisztina, die Ehefrau des Generals, verhält sich plötzlich auffällig. Von einem Tag auf den anderen verschwindet Konrád dann urplötzlich.

„Die Handlung ist noch nicht die Wahrheit. Sie ist immer nur eine Folge, und wenn man eines Tages als Richter auftreten und ein Urteil sprechen muss, darf man sich nicht mit den Tatsachen aus dem Polizeirapport begnügen, man muss auch das kennen, was die Juristen das Motiv nennen. Die Tatsache deiner Flucht ist leicht zu verstehen. Ihr Motiv nicht.“

Der General lädt Konrád nach über einundvierzig Jahren auf sein Schloss ein und dieser bestätigt die Einladung kurz darauf. Die Amme Nini äußert ihre Einwände bzgl. dem Aufeinandertreffen beider Männer, unterstützt den General aber bei seinem Vorhaben und richtet nach seinen Anweisungen und Wünschen gemeinsam mit den Angestellten des Hauses die Speisen zu und gestaltet die Räumlichkeiten. 

Zu Beginn ist der Leser direkt mitten im Geschehen. Nachdem man in aller Kürze erfährt, wie der General lebt und die Vorbereitungen für das denkwürdige Abendessen stattfinden, steht Konrád auch schon vor der Tür. Nach einer kurzen Begrüßung erfährt man, wo Konrád all die Jahre gelebt hat und dass er die Welt bereiste. Anschließend beginnt eine Art Monolog von Seiten des Generals, der über sein eher trostloses Leben in Einsamkeit berichtet. Ziemlich schnell drängt sich einem als Leser der Verdacht auf, das der General keine Antworten von Konrád erwartet, sondern viel mehr seine eigenen Gedanken und Empfindungen preisgeben möchte, um diesen so zu überführen.

Das Gespräch beider dauert die ganze Nacht an und der Redeanteil bleibt fast ausschließlich dem General vorbehalten. Konrád gelingen nur kurze Einwürfe, da längere Antworten sofort unterbrochen werden. Den Vorwürfen seitens des Generals widerspricht er zu keiner Zeit. Obwohl das Ende Fragen offen lässt, konnte die Geschichte durchweg gut unterhalten und seinen fortwährenden Spannungsbogen aufrechterhalten. Historisch spielt die Handlung zu einer aufregenden und bedeutenden Zeit, was dem ohnehin interessanten Inhalt zusätzlich Würze verlieh. 

„Denn auch das Herz hat seine Nacht und seine Regungen, die so wild sind wie der Jagdinstinkt des Wolfes oder des Hirsches. Traum, Sehnsucht, Eitelkeit, Selbstsucht, Liebestollheit, Neid und Rachsucht lauern in der menschlichen Nacht wie der Puma, der Geier und der Schakal in der Wüstennacht.“

Das Besondere für mich bei dem Buch ist, dass ich es so vielleicht nie gelesen hätte, obwohl es ein echter Klassiker ist. Im Rahmen eines Thalia Book Blind Dates wählte ich es aufgrund der Beschreibung aus. Ein voller Erfolg. Ich fühlte mich gut unterhalten und mochte das Setting sehr.

Sándor Márai wurde als Grosschmid Sándor Károly Henrik 1900 in Kassa, Österreich-Ungarn geboren. Er galt als einer der bedeutendsten ungarischen Schriftsteller, Lyriker und Dramatiker. Zunächst schrieb er auf deutsch und wechselte dann in die ungarische Sprache. Nach seiner Emigration in die USA führte er ein Wanderleben, das ihn in schwere Depressionen und Isolation trieb. Márai nahm sich 1989 das Leben.

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Sándor Márai: Die Glut. Roman. A gyertyák csonkig égnek. Aus dem Ungarischen von Christina Viragh. Piper Verlag, München 2018. 224 Seiten. 10€.

Theresia Enzensberger
Blaupause

Theresia Enzensberger´s Roman Blaupause behandelt die Anfänge der Bauhaus-Jahre in Weimar und Dessau zwischen 1921 und 1926. Das Buch erschien als Hardcover 2017 im Hanser Verlag und als Taschenbuch 2018 im dtv-Verlag. 

Luise Schilling kommt aus einer gut situierten Familie im Berliner Stadtteil Charlottenburg. Anfang der Zwanzigerjahre beginnt sie ihr Studium am Bauhaus in Weimar. Dort studiert sie unter einflussreichen Personen wie Walter Gropius und Wassily Kandinsky. Luise ist jung, ehrgeizig und voller Ideen und auf der Suche nach Gleichgesinnten. 

Luise setzt sich stark mit dem Bauhaus-Milieu auseinander, sie geht ihr Studium interessiert und wissbegierig an. Außerdem ist sie für die damalige Zeit äußerst emanzipiert und weigert sich, nach den Vorstellungen ihrer Eltern, einen Mann zu heiraten, nur um finanziell abgesichert zu sein. Luise möchte sich selbst verwirklichen, ihr eigenes Geld verdienen und ihre Pläne umsetzen.

„Immerhin hab ich jetzt Gewissheit. Gewissheit darüber, dass all die Regeln, Bräuche und Rituale dieser Gruppe letztlich nicht mehr sind als Instrumente, um andere Leute auszuschließen. Gewissheit darüber, dass mein Unverständnis seine Berechtigung hatte, und zwar abseits von meinen eigenen intellektuellen Grenzen. Darüber, dass ihre Gedankenwelt, die mir so anziehend erschien, an der Realität scheitern muss, eben weil sie so weltvergessen ist.“

Während ihrer Studienzeit in Weimar, später Dessau, begegnet sie den Itten-Jüngern, welche Mönchskutten tragen und die zweifelhafte Mazdaznan-Lehre predigen, die eine Nähe zum Nationalsozialismus aufweist. Sie verliebt sich in einen Jungen der Anhänger, wird einer Clique zugehörig und kämpft um ihren Platz am Bauhaus. Nachdem sie sich von der Gruppierung abzugrenzen versucht, lernt sie neue Freunde kennen, die ihr zunächst wohlgesonnen scheinen. Neben zwischenmenschlichen Enttäuschungen und beruflichen Rückschlägen, wird sie mit dem aufkommenden Faschismus konfrontiert. 

Enzensberger schreibt eindringlich, klug und regt zum Nachdenken an. Sie gibt einen tiefen Einblick in die Baushaus-Szene, macht ihre Leser mit deren prägenden Persönlichkeiten bekannt und vereint die Euphorie der Zwanzigerjahre mit der aufkommenden rechten Bewegung. Hin und wieder erscheint die Protagonistin bezüglich der Auswahl ihrer Freunde recht naiv, was der Geschichte im Gesamten aber keinen Abbruch tut.

Besonders für Interessierte der Kunstszene ist dieser Zeitsprung in das Deutschland der Zwanzigerjahre sicherlich eine Reise wert. Aber auch ohne einen Bezug zu Kunst und Architektur macht das Lesen Spass und vermittelt einen Eindruck der damaligen Zeit. Die modernen Denkweisen vieler Bauhaus-Studenten, aber auch die Gefahren, sich zwielichtigen Gruppen anzuschließen werden deutlich. 

Die Autorin nimmt ihre Leser mit auf eine spannende Zeitreise zwischen Aufbruchsstimmung und der nahenden Machtergreifung der NSDAP.

Theresia Enzensberger wurde 1986 in München, Deutschland geboren. In New York studierte sie Film- und Filmwissenschaft und zog 2011 anschließend nach Berlin. Sie schreibt als freie Journalistin für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Zeit und Zeit Online. Zudem verfasst sie Kolumnen.

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Theresia Enzensberger: Blaupause. Roman. dtv Verlag, München 2019. 256 Seiten. 10.90€.  

Herzensbücher #4
Nell Leyshon
Die Farbe von Milch

Bücher, die nachdenklich machen, fesseln und unter die Haut gehen, die einen nicht mehr los lassen und einen besonderen Platz im Herzen einnehmen, das sind ganz besonders wertvolle Werke. Jeder der gern liest, wird Bücher kennen, die ihm besonders wichtig sind, die ihn geprägt haben und die unvergesslich bleiben. Nennen wir sie doch einfach Herzensbücher. Denn so lautet die wunderbare Aktion von Janika und Sabrina. Die Beiden hatten die schöne Idee, ihren Herzensbüchern mehr Raum zu geben. Dieser guten Sache schließe ich mich (endlich) auch an.

Und es ist wieder soweit, ich stelle euch heute mein viertes Herzensbuch vor und bin vor jedem Beitrag der Aktion schon immer ganz aufgeregt und freue mich, meine Lieblingsbücher mit euch teilen zu dürfen. In diesem Fall handelt es sich um Die Farbe von Milch von Nell Leyshon. Den meisten von euch dürfte zumindest der Titel ein grober Begriff sein. Zunächst erinnert die Geschichte, welche aus der Sicht der vierzehnjährigen Protagonistin erzählt wird, an ein Märchen – zumindest, wenn man das Setting betrachtet: eine englische Landschaft im Jahr 1831.

Schnell wird aber deutlich, dass es in dem Örtchen, an dem die Handlung spielt, nie richtig hell zu werden scheint. Die Charaktere sind rau und wenig emphatisch, was sicher auch der Zeit geschuldet ist und den Umständen unter welchem die Menschen damals lebten. Mary ist vierzehn Jahre alt und lebt gemeinsam mit ihren Eltern, ihrem Großvater und ihren drei Schwestern auf einem englischen Bauernhof. Dort wird sie wie eine Sklavin behandelt, die vor allem dazu dient, das Land zu bewirtschaften. Bis auf ein Bett und tägliche Mahlzeiten ist es nicht viel, was Mary von ihrer Familie zu erwarten hat. Nur ihr Großvater, welcher bettlägerig ist, kann sie hin und wieder aufheitern.

„Und nun werde ich den allerletzten Satz zu Ende schreiben. Und dann werde ich frei sein.“

Eines Tages wird Mary von ihrem Vater in das Haus des Pfarrers geschickt, dessen kranke Frau sie fortan betreuen soll. Zunächst nimmt sich Mary dieser Aufgabe bereitwillig an und fühlt sich wohl mit ihrer neuen Situation. Der Pfarrer ist ihr zugewandt und bringt ihr in regelmäßigen Unterrichtsinheiten das Lesen bei. Doch nachdem die Pfarrersfrau stirbt, beginnt für das junge Mädchen ein Martyrium ungeahnten Ausmaßes.

Nell Leyshon besitzt die Gabe mit einfacher (aber treffender) Sprache und wenig Spektakel ein großes Drama zu erzeugen, welches erschüttert und den Leser frösteln lässt. Mary erträgt ihr Schicksal mit gnadenlosem Stoizismus, bis sie es schlussendlich schafft, sich ihrer fatalen Lage zu entziehen und zur tragischen Figur wird. Ein Roman voller Wucht und großer Qualen, der tief erschüttert und bestürzt zurücklässt und doch aufgrund seiner faszinierenden Umsetzung so lesenswert ist.

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Teilnahmebedingungen im Überblick

# Die Herzensbücher werden immer zum 20. des Monats auf dem Blog, bei Instagram oder Twitter vorgestellt

# Jeder Teilnehmer beschreibt, warum gerade dieses Buch ein Herzensbuch für ihn ist

# Der Beitrag sollte maximal 500 Wörter haben

# Janika und Sabrina sollten als Gründerinnen natürlich im Beitrag verlinkt werden


Nell Leyshon: Die Farbe von Milch. Roman. The Color Of Milk. Eisele Verlag, München 2018. Aus dem Englischen von Wibke Kuhn. 208 Seiten. 18€.