Gesellschaft und Kultur

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Anja Goerz
Der Osten ist ein Gefühl – Über die Mauer im Kopf

Die norddeutsche Schriftstellerin Anja Goerz hat mit Der Osten ist ein Gefühl – Über die Mauer im Kopf ein Buch geschrieben, das sich mit den drängenden Fragen über das Leben in der ehemaligen DDR und den Folgen für seine Bürger auseinandersetzt. Um besser verstehen zu können, was das System für seine Bevölkerung bedeutete und wie diese damit lebte, hat sie Ostdeutsche befragt, die mit der DDR aufgewachsen sind. Darunter auch einige Prominente. Zugleich wird deutlich, dass die Wiedervereinigung zwar knapp 30 Jahre her, die Mauer aus den Köpfen vieler Ost- und Westdeutschen aber noch nicht verschwunden ist. Das Buch erschien erstmals 2014 im dtv-Verlag und wurde 2019 von eben diesem neu aufgelegt.

Anja Goerz portraitiert Menschen, die in der DDR gelebt haben. Darunter Bekannte wie Inka Bause, Sebastian Krumbiegel oder Achim Menzel, aber vor allem auch nicht prominente. Die Biografien sind vielfältig und die Erfahrungen teilweise sehr unterschiedlich. Dabei hört sie von verpassten Chancen, spürbarer Ungleichheit gegenüber den Wessis und Vorurteilen, die noch heute eine Rolle spielen. Gleichsam berichten die Zeitzeugen von einem unmenschlichen System, das die DDR zweifelsohne war. Nicht zuletzt die Schießbefehle und die ständige Überwachung seiner Bevölkerung machten sie dazu.

Aber auch schöne Erinnerungen finden Platz, wie typische Musik aus damaliger Zeit, Familienausflüge und lustige Anekdoten. Jede Geschichte, jedes Interview wird mit einem Schwarzweissfoto unterlegt, das etwas aus dem persönlichen Leben der Menschen zeigt. Auch wenn die Ansichten über das Leben in der DDR verschieden sind, ist für viele doch eine Identifikation damit verbunden. Schließlich war dieses Leben lange Zeit alles, was sie kannten.

Die Ost-West-Debatte führt noch immer zu hitzigen Diskussionen und häufig sind diese von Vorurteilen und Halbwissen auf beiden Seiten geprägt. Das Verständnis und das Interesse füreinander scheint häufig zu fehlen. Goerz gelingt durch die Gespräche mit ehemaligen DDR-Bürgern ein bildhafter Einblick. Einfühlsam und interessiert begegnet sie ihren Gesprächspartnern, deren Ängste, Sehnsüchte und Hoffnungen in den Texten deutlich werden.

„Dieses Buch ist keine historische Aufarbeitung des Lebens in der DDR, keine politische Analyse. Sie werden keine Geschichten von dem Abschied in einem System lesen und keine Berichte über das andere Leben nach dem Mauerfall. Ich wollte die Gräben zwischen Ost und West nicht vertiefen, sondern neugierig machen auf ein Land, das es nicht mehr gibt und auf die Menschen, die dort aufgewachsen sind.“

Seite 9

Die Lebensgeschichten haben mich sehr bewegt, gerade auch aus persönlichen Gründen. Obwohl ich mich beiden Seiten verbunden fühle, da meine Familie aus der ehemaligen DDR stammt und ich dort geboren wurde, habe ich mein komplettes Leben danach nur im Westen verbracht. Ich denke nicht in Ost und West und habe das von meiner Familie auch nie vermittelt bekommen. Ich war viel zu klein, um zu begreifen, was damals vor sich ging und an den Fall der Mauer habe ich aufgrund meines Alters natürlich keinerlei Erinnerung. Die Erzählungen im Buch decken sich jedoch größtenteils mit denen meiner Familie. Wenn ich von Verbundenheit spreche, das möchte ich ganz klar stellen, meine ich damit natürlich ausschließlich die eigene Herkunft und nicht etwa das politische System.

Ich mag die Begriffe Ossi und Wessi überhaupt nicht und distanziere mich davon. Ich habe mich immer als Berlinerin, als Deutsche gesehen, die dankbar für ein buntes Land ist. Nachdem ich mit 22 Jahren nach Hamburg ging und sechs Jahre dort verbrachte, lebe ich seit nunmehr drei Jahren in Freiburg. Ich bin mir der immer noch spürbaren Unterschiede bewusst und sehe Deutschland dennoch nicht als geteiltes Land. Nach dreißig Jahren Einheit sollte die Mauer aus unser aller Köpfen verschwinden. Hoffentlich haben Forscher recht, wenn sie sagen, dass wir in zwanzig Jahren, nach fünfzig Jahren deutscher Einheit, in der mehr als die Hälfte der Deutschen nach der Wiedervereinigung geboren wurden, ein neues Deutschland haben.

Das Buch hat mich nachdenklich gemacht, traurig und mich immer wieder schockiert. Das Leid vieler Menschen, durch den Verlust von Familienmitgliedern und Freunden, als auch ein überwachtes Leben in einem Unrechtsstaat im Allgemeinen rufen beklemmende Gefühle hervor. Ich bin dankbar, diese Zeit nicht erlebt haben zu müssen. Auch wenn es hier und da Menschen gibt, die auch in der DDR Privilegien genossen, so ist das ein kleiner Teil.

Viele Schilderungen der Befragten aber, haben mich auch hier und da zum Lachen gebracht. Schließlich sind manche Geschichten auch durchaus amüsant. Als Leser darf man nicht den Fehler machen und mit einer falschen, möglicherweise rein politischen Intention an das Buch herangehen. Auch interessante Fakten wie die unterschiedliche Namensgebung in Ost und West und deren Ursachen werden erläutert. Zudem werden charakteristischen Frisuren, Konsumgütern uvm. eine größere Aufmerksamkeit zuteil.

Der Osten ist ein Gefühl vermittelt mit viel Sachkenntnis und Empathie ein Stück deutsche Geschichte und klärt auf. Ich schließe mich am Ende dem Zitat von Ricarda Ohligschläger, von herzgedanke.com aus dem April 2014 an: Wenn dieses Buch Pflichtlektüre im Geschichtsunterricht werden würde, dann könnte man in den nachfolgenden Generationen meiner Meinung nach Vorurteile direkt im Keim ersticken.

Anja Goerz wurde 1968 in Niebüll geboren. Sie machte eine Ausbildung zur Fotografin und arbeitet seit 1989 als Radiomoderatorin. Inzwischen ist sie für das rbb und das Nordwestradio Bremen aktiv. Mit ihrem Mann und ihrem Sohn lebt sie in Falkensee bei Berlin.

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Anja Goerz: Der Osten ist ein Gefühl. Gesellschaft und Kultur. 208 Seiten, mit s/w Fotos. dtv-Verlag, München 2019. 11.90€.

Leïla Slimani
Warum so viel Hass?

*Rezensionsexemplar.

Warum so viel Hass? ist ein aufklärender Band von Leïla Slimani, in welchem ihre Kolumnen und Essays rund um Nationalität, Freiheit und Toleranz versammelt sind. Veröffentlicht wurde das Buch im Frühjahr 2019 im btb-Verlag. 

Sie ist eine gefeierte Autorin und zählt aktuell zu den größten Schriftstellerinnen Frankreichs: Leïla Slimani. Sie selbst ist Immigrantin und lebt seit 1999 in Paris. Nach einem Studium in Medien und Politik, besuchte sie kurzzeitig eine private Schauspielschule. Seit 2008 arbeitete sie als Journalistin für ein Magazin, das sich nordafrikanischen Themen widmete und veröffentlichte 2014 ihren ersten Roman. 

„Hören wir auf, uns hinter einem Pseudo-Respekt der Kulturen zu verstecken, hinter einem zermürbenden Relativismus, der nur die Maske unserer Feigheit, unserem Zynismus und unserer Hilflosigkeit ist. Ich als gebürtige Muslimin, Französin und Marokkanerin sage euch: Die Scharia kotzt mich an.“

In Zeiten von zunehmenden Fremdenhass und von Fanatismus geprägten Ideologien, möchte Slimani wachrütteln, auf Missstände aufmerksam machen und zum Nachdenken anregen. Dabei betrachtet sie andere Staatsangehörigkeiten, aber auch ihre eigene Herkunft gewohnt differenziert, aber kritisch. Nationalität sei „weder etwas Rühmliches, noch ein Verdienst“.

Im Buch enthalten sind sechs kurze Texte, welche in der französischen Wochenzeitschrift Le 1 erschienen sind. Slimani widmet sich gesellschaftskritischen Fragen, mahnt zur Achtsamkeit im Umgang miteinander und plädiert für mehr Menschlichkeit. Sie erinnert an wahre Privilegien und deren Wert. Neben den Themen Religion, Hass, Freiheit und Fanatismus, liegt der Fokus vor allem auf der unverzichtbaren Verantwortung, die ein jeder von uns erbringen muss, um ein friedvolleres Miteinander, mehr Verständnis und Akzeptanz überhaupt möglich zu machen.

„An diesem Abend aßen alle gemeinsam. Es war keine Rede von Religionen, Überzeugungen oder Nationalitäten. Mein Großvater, der sehr gläubig war, sah überhaupt keinen Widerspruch darin, einerseits den Ramadan einzuhalten und sich andererseits als Weihnachtsmann zu verkleiden. Natürlich wurde gestritten. Manche ereiferten sich. Es gab Tränen und Geschrei. Doch man blieb am Tisch. Man war zusammen. Vereint.


Dieses Jahr in der Normandie, inmitten von Lachen und Gesprächen, habe ich mich gefragt, was meine Generation aus dieser Welt machen wird. Sind wir so stark wie jene, die dafür gekämpft haben, Weihnachten gemeinsam feiern zu können? Wird es uns gelingen, uns über etwas anderes als unsere Religion und unsere Herkunft zu definieren? Wird man immer noch und immer wieder seine Zugehörigkeit unter Beweis stellen müssen? Ich bin Kind all dieser Fremden, und ich bin Französin. Ich bin Immigrantin, Pariserin, eine freie Frau, überzeugt davon, dass man sich selbst behaupten kann, ohne die anderen abzulehnen.“

Obwohl das Büchlein nur 64 Seiten beinhaltet, schafft es Slimani in kompakten Texten wiederzugeben, was wirklich zählt. Sprachlich auf höchstem Niveau, geistreich und immer den Nerv der Zeit treffend, bewegt sie die Massen. Emotional, reif und voller wichtiger Botschaften sind diese Kolumnen ein Muss. Ich fühlte mich beim Lesen durchweg zu Denkanstößen angeregt und war tief gerührt von dem Mut und der Offenheit, die durchweg spürbar sind.

Eine unfassbar inspirierende Persönlichkeit, der es gelingt, sich klar zu positionieren, aufzuklären und zu bewegen.

Leïla Slimani wurde 1981 in Rabat, Marokko geboren. Im Jahr 1999 ging Slimani nach Paris um dort Medien und Politik zu studieren. Ab 2008 arbeitete sie als Journalistin für ein französisch sprachiches Wochenmagazin zu Politik und Wirtschaft vom afrikanischen Kontinent. Für ihren Roman Chanson Douce (dt. Dann schlaf auch du) bekam sie den Prix Goncourt. Slimani lebt in Frankreich.

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Leila Slimani: Warum so viel Hass? Essays und Kolumnen. Le diable est dans les détails. btb-Verlag, Randomhouse, München 2019. 64 Seiten. 8€.

Veikko Bartel
Mörder

Auf seinen ersten Band Mörderinnen folgt Veikko Bartels Mörder, welcher das männliche Pendant darstellt. Bartel ist ehemaliger Strafverteidiger, der in seinen Büchern von realen Fällen aus der Praxis berichtet. Mörder erschien im Februar 2019 im Mosaik-Verlag aus dem Hause Randomhouse.

Veikko Bartel hat rund 40 Tötungsfälle in seiner aktiven Zeit als Strafverteidiger vor Gericht vertreten. In seinem zweiten Buch erzählt er von den Beweggründen, die Männer zum Töten verleiten. Sechs Fälle sind es diesmal an der Zahl und genau wie in Mörderinnen schreibt Bartel auch hier in Romanform. Und auch diesmal stellt der Autor die Frage nach der Gerechtigkeit. Spannend und informativ gewährt Veikko Bartel Einblicke in sein Berufsleben.

„Strafverteidigung ist Pokern mit dem Schicksal eines Menschen. Und du bist als Verteidiger permanent »All In.“

Die allumfassende Frage mit der sich das Buch beschäftigt ist die nach dem Tatmotiv. Warum töten Menschen? Die Fälle haben mich insgesamt sehr schockiert und nachdenklich gemacht. Dennoch oder gerade deswegen konnte ich das Buch schwer aus der Hand legen, denn trotz unmenschlicher Vergehen ist Mörder unterhaltsam und interessant geschrieben. Neben den Fällen selbst ist es die große Antipathie gegen seinen Berufsstand den Bartel thematisiert. Dabei bedient er sich einiger Anekdoten aus seiner beruflichen Vergangenheit.

Besonders die ersten beiden Fälle haben mich sehr bewegt und mir ein ums andere Mal Gänsehaut beschert. Dabei geht es um einen Finanzbeamten welcher aus Affekt seine Frau tötet und einen Mann der auf der Suche nach einem geregelten Leben in einer Drückerkolonne landet und am Ende keinen Ausweg als das Morden sieht. Es sind neben Unverständnis und großer Abscheu aber auch Gefühle wie Mitleid und Bedauern, die beim Lesen geweckt werden.

Das Cover, das möchte ich unbedingt hervorheben ist unaufdringlich und schlicht gestaltet was auch bei seinem Vorgänger der Fall war. Auch im Buch selbst gefällt mir die einfach, aber dennoch ansprechende Formatierung sehr gut. Der Schreibstil ist dem Thema entsprechend flüssig und animiert durch seine faktenreichen Zeilen stets zum Weiterlesen.

Auch der zweite Band von Veikko Bartel konnte mich überzeugen. Die mit vielen Fakten gespickten Berichte über die Leben seiner Angeklagten bis hin zu deren Taten gehen nah.

Veikko Bartel wurde 1966 in Karl-Marx-Stadt geboren. Nach der Wiedervereinigung studierte er Jura und arbeitete von 1996 bis 2011 als Rechtsanwalt in Potsdam. Seit 1998 war er als Strafverteidiger aktiv. Mittlerweile ist er Dozent für Steuerrecht. Bartel lebt mit seiner Familie in Potsdam.

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Veikko Bartel: Mörder. Fälle aus der Praxis eines Strafverteidigers. Mosaik-Verlag, München, 2019. 18€.