Erzählungen

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Frank Schulz
Anmut und Feigheit

*Rezensionsexemplar.

Der Kurzgeschichtenband Anmut und Feigheit vom Autoren Frank Schulz erschien im Spätsommer 2018 im Verlag Galiani Berlin, welcher zum Hause Kiepenheuer und Witsch gehört. Der Autor beschäftigt sich in seinen Erzählungen mit der Liebe als solcher und all ihren Facetten.

Es handelt sich um verschiedene Geschichten in denen immer andere Figuren und ganz unterschiedliche Situationen geschildert werden. Die Liebe bleibt aber immer im Mittelpunkt des Geschehens. Auf tiefgründige und berührende Weise erweckt Schulz die Protagonisten der Geschichten zum Leben. Es geht zum Beispiel um einen Mann und eine Frau die sich Briefe schreiben, die beide erst zwanzig Jahre später öffnen dürfen.

Das Älterwerden und der Umgang mit der Liebe werden hinreichend thematisiert. Die einzelnen Erzählungen sind sowohl amüsant, traurig als auch tief bitter. Auf sehr emphatische Weise und mit viel Sinnlichkeit macht der Autor die Phasen des Verliebtseins und die Schwächen des eigenen Egos deutlich. Schulz spielt zudem mit der Fantasie seiner Leser und lässt manchen Ausgang offen. So bleibt der Spannungsbogen gewahrt und die Handlung regt über das Lesen hinaus zum Nachdenken an.

„Ich war von meinem eigenen Tun unangenehm berührt – ein Sohn, der seiner sowieso sehr zweifelhaften Arbeit wegen über die Leiche seiner zweifellos sehr geliebten Mutter geht…“

Obwohl Schulz viel Einfühlungsvermögen und einen Sinn für große Gefühle beweist, konnten mich die Erzählungen nie ganz packen. Der Schreibstil ist in meinen Augen nicht aussergewöhnlich, auch wenn er durch durch seine Emotionen und das gute Einfühlen in die menschliche Seele getragen wird. Die Figuren zeichnet Schulz authentisch und liebevoll, mir persönlich fehlte aber etwas. Am Ende muss ich gestehen, dass es einfach nicht mein Buch ist, was sehr enttäuschend ist, weil der Klappentext in mir große Hoffnungen weckte.

Was bleibt also zu sagen? Die Idee zum Buch und auch deren Umsetzung sind teilweise sehr gelungen, die Erzählungen berühren auch, ohne Frage, und dennoch ist Anmut und Feigheit nicht ganz nach meinem Geschmack. Aber sicherlich gilt Schulz nicht umsonst als einer der großen Gegenwartsdichter deutscher Literatur, sodass andere hier möglicherweise begeistert sind.

Frank Schulz wurde 1957 in Hagen bei Stade geboren. Er arbeitete zunächst als kaufmännischer Angestellter in Hamburg und studierte verschiedene geisteswissenschaftliche Fächer. Er ist verheiratet und lebt in Osnabrück.

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Frank Schulz: Anmut und Feigheit. Roman. Galiani Verlag, Berlin 2018. 336 Seiten. 22€.

Benedict Wells
Die Wahrheit über das Lügen

*Rezensionsexemplar.

Die Wahrheit über das Lügen von Benedict Wells ist eine Sammlung an Kurzgeschichten, die der Autor in den letzten zehn Jahren schrieb. Das Buch erschien 2018 im Diogenes-Verlag.

Den Hauptteil des Buches nimmt die Titelgeschichte Die Wahrheit über das Lügen ein, welche sich um einem erfolglosen Drehbuchautoren dreht, der per Zeitreise in das Jahr 1973 zurück reist und innerhalb von vier Jahren George Lucas die Idee zu Star Wars stiehlt. Alle Geschichten haben etwas Tragisches. Die Protagonisten sehen sich abgründigen Situationen ausgesetzt, die verzweifeln lassen, traurig machen und tief berühren.

Benedict Wells schafft es, seine Erzählungen mit großen Emotionen zu schmücken, ohne dabei kitschig zu sein. Jede Geschichte hat seinen eigenen Reiz und beim Lesen wird es nicht langweilig. Ob Wells dabei einen Einblick in sein eigenes Leben gibt, bleibt unklar, es ist jedoch nicht zu leugnen, dass dieser Eindruck entsteht. Ich mag seine Art zu schreiben, weil er ein Gespür für das Besondere hat. Er spielt mit Emotionen, aber lässt immer auch Raum für eigene Deutungen.

Der Autor bedient sich fantastischer Elemente, was neben Die Wahrheit über das Lügen auch Die Muse zeigt. Hier geht es um eine Schriftstellerin, der es an Ideen fehlt, bis ihr plötzlich eine Muse in Form eines blauhaarigen Mannes begegnet, der ihre Schreibblockade aufzulösen scheint. Wells entfacht die tiefe Sehnsucht nach Zufriedenheit und Glück in seinen Figuren. Hauptsächlich sind es männliche Charaktere um die sich Wells´ Geschichten drehen.

„Und auf einmal begriff sie die Sinnlosigkeit ihres Unterfangens. Selbst in einem mitfühlenden Moment wie diesem packte er ihre Träume in eine winzige Kiste ohne Fenster. Er würde sie nie verstehen.“

Was auffällt ist, dass der berufliche Erfolg maßgeblich der eigenen Zufriedenheit dient und dieser unbedingt angestrebt wird. In Die Wanderung, der ersten Geschichte des Buches, ist es ein Geschäftsmann, der kurz vor einem wichtigen Abschluss steht und seiner Rastlosigkeit nachgibt um einen Berg zu erklimmen. Immer im Blick hat er dabei, dass er rechtzeitig zum Geburtstag seines Sohnes zuhause sein möchte. Zurück von der Wanderung sieht er sich einem Trugschluss konfrontiert.

Der Geschichtenband ist Wells durchaus gelungen, leidiglich Ping Pong erinnerte viel zu sehr an die Schachnovelle von Stefan Zweig und konnte mich nicht begeistern. Nach dem Weglegen des Buches sind die Geschichten nicht vorbei. Das Echo hallt noch lange nach und das Erzählte regt zum Nachdenken an.

Benedict Wells wurde 1984 in München geboren. Später lebte er in Berlin und widmete sich dort dem Schreiben. Sein Roman Vom Ende der Einsamkeit wurde mit diversen Preisen ausgezeichnet und in 27 Sprachen übersetzt. Wells lebt in Berlin und Bayern.

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Benedict Wells: Die Wahrheit über das Lügen. Geschichtenband. Diogenes Verlag, Zürich 2018. 256 Seiten. 22€.