*Rezensionsexemplar.

Carl Frode Tillers Roman Der Beginn erschien 2019 im btb-Verlag. Der norwegische Autor schreibt über einen Mann, der nach einem Suizidversuch im Sterben liegt und sein Leben noch einmal Revue passieren lässt.

„Das Leben kann nur vorwärts gelebt und rückwärts verstanden werden“, das wusste schon Søren Kierkegaard. Das war wohl auch die Intention des Autoren, als er die Idee für Der Beginn hatte. Er erzählt das Leben seines Protagonisten rückwärts, sodass der Leser nach und nach versteht, wie es zur aktuellen Ausgangslage, dem Versuch der Selbsttötung, kommen konnte. Hierbei bedient sich der Schriftsteller vieler Metaphern.

Terje liegt nach einem Selbstmordversuch im Sterben. Gefangen in diesem Zustand, zieht sein Leben noch einmal gedanklich an ihm vorbei. Terje versucht Antworten auf viele drängende Fragen zu finden und durchläuft dabei schmerzhafte und traumatische Erinnerungen. Verlust- und Versagensängste begleiteten ihn sein Leben lang. Die Mutter litt unter Depressionen, war alkoholsüchtig und suchte stets Halt bei ihrem Sohn, statt ihm eine Stütze zu sein. Der Vater verließ die Familie für eine andere Frau und die Schwester scheint im Laufe der Jahre die gleiche Krankheit zu entwickeln, wie die gemeinsame Mutter.

„Dass Arten aussterben, ist ja ein vollkommen natürlicher Prozess, das passiert, seit es Leben gibt, und solange auf diesem Planeten Leben exisiert, wird es auch weiterhin geschehen.“

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Terje ist verheiratet mit Turid. Die Ehe kriselt seit einiger Zeit und beide geraten immer wieder aneinander. Seine Tochter Marit liebt Terje tief und innig. Sie leiden zu sehen, ist für ihn sehr schmerzhaft. In seiner beruflichen Tätigkeit als Klimaforscher, geht Terje regelrecht auf. Die Gesellschaft zu seinen Kollegen sucht er allerdings nicht, geht diesen viel mehr bewusst aus dem Weg, wodurch er keine Kontakte innerhalb der Firma pflegt.

Die Lebensabschnitte vom Erwachsenen, über die Zeit der Adoleszenz, bis hin ins Kleinkindalter sind in Terjes Fall sehr prägend und machen als Leser unweigerlich betroffen. Der Erzählstil ist flüssig und wird sehr bildhaft dargestellt. Eine möglicherweise genetische Veranlagung psychischer Erkrankungen ist in der Familie sichtbar. Bereits Terjes Großmutter litt unter schweren Depressionen und gab dieses Anfälligkeit an Tochter und beide Enkel weiter. Denn schließlich scheitert auch Terje letztlich am Leben selbst.

Dass die Kapitel rückwärts erzählt werden, macht Der Beginn außergewöhnlich. Terje selbst wurde mir leider nie ganz sympathisch. Viele seiner Handlungen waren für mich nicht nachvollziehbar und oft nervte mich seine sehr negative Einstellung sich und vor allem anderen gegenüber. Gleichzeitig ist dieser Umstand für die Handlung nachvollziehbarer Weise gewollt. Für mich war dieser Roman eine ganz neue Erfahrung. Wenngleich ich die Art der Erzählweise interessant fand, wäre es für mich viel einfacher gewesen, die Geschichte in korrekter Reihenfolge zu lesen. Keins schlechtes Buch, aber eines, für das man in der Stimmung sein muss.

Carl Frode Toller wurde 1970 in Namsos, Norwegen geboren. Tiller studierte Literaturwissenschaften und später dann Geschichte in Trondheim. Er spielt außerdem in einer Band, die bisher zwei CD´s veröffentlichte.

★ ★ ★


Carl Frode Tiller: Der Beginn. Roman. Begynnelser. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger & Nora Pröfrock. btb-Verlag bei Randomhouse, München 2019. 352 Seiten. 22€.

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